Forumssplitter

Hallo Sabine

„Ändern wir irgendetwas, indem wir hier in einem Leserforum herumquengeln?“

Damit gemeindest Du mich in exakt das „Wir“ ein, das ich angegriffen und mit „Territorialität“ benannt habe. Jeder Krieg, vom Ehekrieg in der Familie, über die Schulhofrangeleien bis zur weltenvernichtenden „Reinigung“ wird, von der ersten bis zur letzten Phase, mit und um Gefolgschaften geführt. Den Akteuren erscheinen diese Gefolgschaften in jeder Phase als Mittel zu widerstreitenden Zwecken, doch tatsächlich geraten sie ihnen im Verlauf der Kämpfe um sie zum eigentlichen Zweck derselben, die Machtfragen, die eingangs gestellt wurden, werden in solchem Verlauf halt erst entschieden.

Obiges klingt jetzt vielleicht völlig abstrakt, aber Zweck und Inhalt meiner Quengelei war es, auf elementarer Ebene eine der prominentesten (Erscheinungs-)Formen zu charakterisieren, wie Leute auf allen Seiten der Fronten und auf allen gesellschaftlichen Ebenen diese übergreifende Gemeinsamkeit ihres Tuns realisieren, einander gegenwärtig machen und aneinander durchsetzen. Das ist das Rechtsbewußtsein in Aktion, die Übersetzung der Gewaltfragen in Rechtsfragen, welche die Beteiligten auf „höherer“, auf ideeller Ebene, für sich entscheiden, und genau auf diese Weise den Mitmenschen geltend machen.

Fatal ist der gewöhnlich zu beobachtende Verlauf, wenn jemand daher kommt, der auf die eine oder andere Weise deutlich macht bzw. sagt: „Nein“. „Nö, da mache ich nicht mit.“
Diejenigen, die sich in den Turfkämpfen auf der Siegerstraße wähnen (oder dies fingieren), werden diesen Einspruch weg- oder in den Staub schubsen. Diejenigen, die sich hinsichtlich Erfolg oder Misserfolg unsicher sind, werden merken, ja, an dem Einspruch ist „was ‚dran“ („treffende Formulierung“), weil die formelle Substanz ihrer eigenen Einsprüche auf der „höheren“, ideellen Ebene ebenfalls ein solches, schlichtes „Nein“ ist.

Du drückst diesen Merker in der Formel von der „falschen Seite der Geschichte“ aus. Die repräsentiert einen glatten Irrsinn. Entweder ist „die Geschichte“ in der Formel ideell von einem „Ende“ rückwärts gedacht / antizipiert, dann stehst Du jedenfalls auf „der richtigen Seite“, und sei es ultimat um den Preis Deines Leibes. Oder, „die Geschichte“ vom anderen, noch nicht entschiedenen Ende gedacht, Du unterwirfst Dich einem über alle Beteiligten gemeinsam verhängten „Schicksal“, obwohl es noch nicht entschieden sei.

Letzteres nennt man gewöhnlich „vorauseilenden Gehorsam“, aber das ist ein irreführender Ausdruck, denn er verwandelt „Gehorsam“ abermals und zuzüglich in eine Gesinnungsfrage, obgleich es um Gesinnung der Sache nach im Krieg nicht länger geht.

Gegen letztere Einsicht habe ich zu später Stunde selbst verstoßen, mit dem Satz „Ihr seid echt wahre Amerikaner, ihr Deutschen.“ Das zielte nicht auf (reale oder unterstellte) politische Machtverhältnisse, sondern auf die Kultur gesinnungsmoralischer Einsortierung von Individuen, wie sie in den einschlägigen Hollywood-Filmen zelebriert wird, auf die ich angespielt hatte. Aber so, wie sie dasteht, ist diese „Kritik“ keine Kritik mehr, sondern reine Distinktion, wie sie der moralischen Kultur selbst angehört.
Sorry dafür.

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2 Antworten zu Forumssplitter

  1. tgarner9 schreibt:

    Ich stelle diesen Kommentar hier unverbunden ein, weil er einem schweren Mangel meines Eintrages

    Leseempfehlung und Selbstkritik


    ein Stück weit abhilft. Darin hatte ich nicht deutlich gesagt, worin der Fehler besteht, „Macher“ und „Mitmacher“ des Krieges anhand von erhältlichen oder auch nicht erhältlichen Kriegszwecken und -zielen zu scheiden. Ich krieg’s halt nicht mehr gut hin, Texte, die mich Mühe kosten, ins Nirvana zu schreiben.
    Ich nehme mir vor, die Selbstkritik noch dahingehend zu ergänzen, aber jetzt habe ich erstmal anderes im Sinn.

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  2. tgarner9 schreibt:

    Für’s Lehrbuch Sabines Antwort:

    Hallo TomGard,
    zu „„Ändern wir irgendetwas, indem wir hier in einem Leserforum herumquengeln?“ Damit gemeindest Du mich in exakt das „Wir“ ein, das ich angegriffen und mit „Territorialität“ benannt habe.“:
    Ich wollte Sie nicht „eingemeinden“, denn ich freue mich, wenn hier in der Overton-Bubble noch kritische Geister auftauchen. (…)
    Ich bleibe bei meinem „Irrsinn“ … der westliche Welthegemonie-Anspruch ist verbrecherisch und die große Mehrheit der Weltbevölkerung wird sich ihm immer weniger beugen.

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