Forumssplitter zu „Deutschland will den Krieg“

Uwe:

Ist das nicht ein bißchen um die Ecke gedacht? Das Zitat

Den Widerspruch einer einseitigen Aufkündigung des friedlichen Zusammenlebens, die man Putin vorwirft und selber praktiziert, kann Deutschland sich nur deswegen leisten, weil – und solange, wie – Russland gegen Deutschland nicht das wahr macht, was man seinem Präsidenten vorwirft: Beendigung des Friedenszustands. Also weil und solange Putin an dem Standpunkt einer auf die Ukraine beschränkten „militärischen Spezialoperation“ festhält, der ihm gerade aus Berlin als pure Heuchelei angekreidet wird. In Wahrheit ist der die Geschäftsgrundlage des deutschen Kriegswillens.

verstehe ich so, dass das russische Vorgehen darauf zielt, den Westeinfluss, die Natofizierung und letztlich die Eingemeindung der Ukraine als Assoziierungspartner der EU und damit Frontstaat gegen die RF gestoppt wird und zwar innerhalb der Ukraine (schließlich leistet sich dieser Staat seit ein paar Jahren den Beschuss der Ost- und Südukraine). Diesen militärischen Zurückdrängungsversuch beantwortet Nato/EU damit den Juniorpartner soweit zu ertüchtigen, dass er den russischen Einmarsch um jeden Preis zurückschlägt. Damit da aber nichts anbrennt – schließlich geht es ja gegen den Hauptfeind im Osten – entfacht man einen Wirtschaftskrieg der harten Sorte. Zählt man eins und eins zusammen hat der große Rivale in Moskau zwei Messer am Hals: Nato-Gerätschaft und Dollarmilliarden auf dem Schlachtfeld und ökonomische Abkoppelung des russischen Markts vom Weltmarkt samt Ruinierung des östlichen Wirtschaftsgefüges. Daran beteiligen sich D/EU. Das hat ihre Führungsmacht auf die Agenda gehoben und offensichtlich sind die westlichen Politiker handelseinig geworden: Ja wir haben die Chance, den russischen Betonköpfen den Boden unter den Füßen wegzuziehen – solange der Krieg ein Aufeinanderprallen mit konventionellen Waffen bleibt.
Ob das klappt, wie das mit dem Atomschlag zusammengeht, ob man noch zurückrudern kann, falls der Russe die Nerven verliert, das ist alles noch nicht raus. Die Stellvertretermannschaft in Kiew steht unerschrocken, schießt nicht nur im Frontbereich sondern teilt auch hinter den Linien per Sabotage aus. Das russische Oberkommando muss eskalieren sonst wachsen sich Schlappen zu ernsthaften Schwächen aus etc
Das blutige Hickhack der Staaten geht weiter. Wobei beide Seiten natürlich davon ausgehen als Sieger vom Platz zu gehen. Sonst hätte man sich den Zirkus ja sparen können.

Meine beiden Antworten:

Hallo Uwe,

vom letzten Absatz abgesehen, hältst Du mir eine Erzählung entgegen, deren Einzelaussagen aus meiner Sicht teils schematisch unklar, teils rundweg falsch sind, nicht zuletzt weil da eine Fülle Voraussetzungen drin stecken, die ich für falsch halte.
Wie soll ich darauf antworten, ohne einen Text von 10-fachem Umfang zu schreiben?

Allerdings gibt es da noch den letzten Absatz, in deren Aussagen Du alles einmünden läßt, und auf den antworte ich jetzt polemisch (d. h. wörtlich „streitbar“) und überlege mir heut nacht, wie ich noch Bessres sagen könnte.

„Das blutige Hickhack der Staaten geht weiter“

Joah, und zwar etwa seit 8000 Jahren, wenn wir das ägyptische Reich zum Ausgangspunkt nehmen.

„Wobei beide Seiten natürlich davon ausgehen, als Sieger vom Platz zu gehen“

Dito, und das stimmt natürlich in einigen Fällen dieser 8000 jährigen Geschichte, allerdings nicht in gar so vielen. In den meisten Fällen versucht eine unterlegene Partei der Gegenseite Kosten eines angestrebten Sieges aufzuerlegen, welche die Kalkulationsgrundlage dafür verändern, was für beide Seiten als Sieg oder Niederlage gelten wird. Es gibt noch andere Varianten.

Dein Satz bügelt mit Subjekt („beide Seiten“, wer ist das, sind es nur zwei?), Objekt („Platz“, wo oder was ist das eigentlich) und Prädikat („siegen“, was heißt das für die Beteiligten) dermaßen brutal über alle Gegenstände hinweg, die in Peters Artikel, in meinem Posting und in Deinem eigenen Narrativ figurieren, daß Dein Posting indiskutabel wäre, würde ich davon ausgehen, daß dies Verfahren Absicht ist.

Wie gesagt, ich schlaf darüber, was ich noch anderes dazu sagen kann.
Naja, eines noch. Dein Verfahren macht natürlich einen „Sinn“ insofern, als es irgendwann und irgendwo (tatsächlich örtlich) in einem Krieg sachgerecht werden kann und in Kriegen vor 1945 sachgerecht geworden ist, seither allerdings nicht mehr**; nämlich dann und dort, wo Heerführer das letzte Wort bekommen, das dann entweder „Sieg“ oder „Kapitulation“ heißt. Geht so Imperialismus / Kapitalismus? Echt?

** Libyen war /keine/ Ausnahme – die Kapitulation wurde nicht angenommen, die greifbaren Heerführer allesamt gelyncht und das Territorium dauerhaft entstaatlicht.

Antwort 2:

Ich denke, anhand einer jüngsten Meldung zeigen, *wie* das Imperium Deinem Schema um Sieg und Verderben am Ende „Recht“ *geben* wird, ist das Beste, was ich tun kann.

Dir wird bekannt sein, daß sich Putin in seiner Annexionsrede dazu bekannt hat, einen Krieg gegen die NATO zu führen und auch führen zu wollen, nämlich gegen eine imperiale politische *Kultur*, die er „kolonialistisch“ gelabelt hat.

Heute zitieren die NATO-Ticker den stellvertretenden Außenminister Ryabkov so:
„Ein direkter Konflikt mit den USA und der NATO ist nach Worten des russischen Vize-Außenministers nicht im Interesse seines Landes. Allerdings werde Russland angemessene Gegenmaßnahmen ergreifen und auf das zunehmende Engagement des Westens im Ukraine-Konflikt reagieren, zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur RIA. „Wir warnen und hoffen, dass sie die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation in Washington und anderen westlichen Hauptstädten erkennen.“

Ryabkov „hofft“ folglich darauf, daß die „Kultur“, gegen die sein Chef Krieg führt, diesen Krieg *vermeiden* kann und wird. Ist das ein Widerspruch?
Nein. Das Interface der Aussagen ist Putins Erklärung des Standpunktes, den er in der Annexionsrede bezogen hat, die im Westen nie zitiert wird:
„The world has entered a period of a fundamental, revolutionary transformation. New centres of power are emerging. They represent the majority – the majority! – of the international community. They are ready not only to declare their interests but also to protect them.“

Putin weiß also, die Staaten des „Westens“ haben ihre Souveränität und jeweilige Staatsraison in wesentlichen Teilen an die NATO abgegeben, doch er will diese Tat-Sache nicht für die Wahrheit des Vorgangs halten. Der Merker dazu ist das befremdliche Subjekt, auf das er sich zur Erklärung seines Standpunktes *beruft*:
International Community
Putin ist ein *Etatist reinsten Wassers*, so, wie es ihn überhaupt erst seit der Vollendung des kapitalistischen Weltmarktes, aka dem Dasein eines Imperiums, dem Russland *angehört* (und China auch) geben *kann*. Das ist der ideologische Standort, aus dem heraus er ein Subjekt „International Community“ erfindet und allen handelnden Mächten *einschließlich NATO* überordnet. In dieser Überordnung erscheinen Russland und sein Vorsteher, China und sein Vorsteher, die USA und ihr Vorsteher, und überhaupt alle Vorsteher nicht mehr als Erscheinungsform einer „multipolaren Weltordnung“, die es gibt, und mit Fug „Imperialismus“ heißt, sondern als *Verantwortliche* für eine Weltordnung, die es erst zu schaffen bzw. zu vollenden gelte.
Das ist der Widerspruch. Putin greift die Weltordnung *militärisch* an, in der die NATO eine bestimmende, und für ihre Mitglieder unverzichtbare Rolle hat, und will das zugleich „nicht wirklich“ getan haben.
Die simple Auflösung des Widerspruchs lautet: Der dominierende Teil der russischen Eliten sieht sich berufen UND genötigt, die *Regionalmacht* der russischen Föderationsregierung zu verteidigen, also *deren* Staatsraison, die sie mit vollem Recht seit 30 Jahren angegriffen sieht, obwohl dieselben Akteure, die sie angegriffen haben, sie zugleich die ganze Zeit lang benutzt und in ihren Dienst gestellt haben, wo immer das möglich und nützlich schien.

An dieser Stelle breche ich meine Darstellung pragmatisch ab, den Rest des Zusammenhangs und Kuddelmuddels mag sich der Leser selbst überlegen, weil er das eh tun müßte, will er das Obige begreifen. Und vielleicht findest Du, Uwe, ja Leute, die das diskutieren mögen.

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