Warum eigentlich?

Es ist bezeichnend, daß der Vorgängerartikel hier nicht verlinkt ist:
https://overton-magazin.de/krass-konkret/deutschland-will-den-krieg/
… denn die beiden „Teile“ haben so gut wie nichts gemein, schon gar nicht (das nur nebenbei bemerkt) stammen sie aus derselben Feder.
Im ersten Teil lesen wir:

„Das Einzige, was aus der allseits beschworenen Unvermeidbarkeit des Krieges wirklich folgt, ist die staatsfeindliche Einsicht: Sie werden schon recht haben. Mit ihrem Krieg folgen sie einem Gebot ihrer Staatsräson. Will sagen: Politische Herrschaft ist ohne einen in ihrer Räson, ihrem Daseinszweck enthaltenen Grund, für ihre Selbstbehauptung auf der eigenen wie vor allem auf der feindlichen Seite über Leichen zu gehen, nicht zu haben.“

„Selbstbehauptung politischer Herrschaft“! Aber worin besteht die?
Auch darauf gab es im letzten Teil zwei Antworten, wenngleich sehr allgemeine:

„Dem russischen Staat wird die gewohnte Koexistenz aufgekündigt. Umgekehrt geht Deutschland davon aus, dass eine entsprechende Kündigung von russischer Seite nicht erfolgt, und schon gar kein praktischer Übergriff, der mit dem deutschen Bekenntnis zu dem laufenden Krieg als unserer Sache wirklich kriegerisch Ernst machen würde. Das funktioniert, einstweilen. Den Widerspruch einer einseitigen Aufkündigung des friedlichen Zusammenlebens, die man Putin vorwirft und selber praktiziert, kann Deutschland sich nur deswegen leisten, weil – und solange, wie – Russland gegen Deutschland nicht das wahr macht, was man seinem Präsidenten vorwirft: Beendigung des Friedenszustands. Also weil und solange Putin an dem Standpunkt einer auf die Ukraine beschränkten „militärischen Spezialoperation“ festhält, der ihm gerade aus Berlin als pure Heuchelei angekreidet wird. In Wahrheit ist der die Geschäftsgrundlage des deutschen Kriegswillens„.

Also die Geschäftsgrundlage der Sachwalter des „deutschen Kriegswillens“. Mit anderen Worten: Die Option der deutschen Regierung und ihrer Gefolgschaft, den Russlandkrieg der NATO zum Auftrag und zur Chance im Rahmen nationaler Selbstbehauptung zu nehmen, hat eine Schranke, über die nicht sie gebietet, sondern andere. Die Schranke in den Worten meines damaligen Kommentars:

“ … daß die deutsche Staatsmacht (und ihre Gefolgschaft) alles, was sie derzeit hat und kommandiert, auf die Abschreckungsmacht der NATO verwettet. Auf Abschreckung, nicht Sieg, denn ein Sieg kann von „Deutschland“, seiner Staatsraison und Souveränität schwerlich viel übrig lassen, auch nicht, wenn auf seinem Territorium keine Nuklearwaffen fallen.“

Im Original las sich das allerdings ein wenig anders:

„Als NATO-Macht denkt und plant Deutschland in einem ganz anderen Sinn über den gewollten Erfolg im Ukraine-Krieg hinaus.“

Hoi, „als NATO-Macht“? Was ist denn Deutschland für eine „NATO-Macht“, abgesehen davon, daß der Russlandkrieg von deutschem Boden aus geführt wird, von Ramstein und Wiesbaden?
Ich kann die Frage hier unmöglich beantworten, aber das brauche ich auch nicht, denn jeder Nachrichtenkonsument weiß (und soll wissen), daß in der Eskalationsgeschichte nicht die Bundesregierung die NATO vor sich hertreibt (obwohl Bärböckchen das gern anders hätte), sondern umgekehrt, und daß nicht Scholli Befehle an die Flinten-Uschi ergehen läßt, sondern umgekehrt. Alles fake? Okay, aber das hieße dann, daß an dem Text unter dem Titel „Deutschland will den Krieg“ kein Wort wahr wäre!

Ich will allerdings den Abschnitt 6 des Artikels nicht unerwähnt lassen, in dem Ansätze zu einem Übergang zum vorliegenden Artikel stehen, dies:

„Nach sieben Monaten Krieg steht den zuständigen Kriegspolitikern die Option vor Augen, Russlands Militärmacht auf der Ebene der konventionellen Kriegsführung auf Dauer auszuschalten. Für sie ist es kein Größenwahn, sondern eine erreichbare Zielvorgabe, aus Deutschland in absehbarer Zeit eine Führungsmacht des europäischen Pfeilers der NATO zu machen“.

Man beachte das Subjekt, „zuständige Kriegspolitiker“, und den Zweck, „eine Führungsmacht … der Nato werden“. Wir halten fest, Deutschland ist keine Führungsmacht. Sie kann es auch nicht werden, davor stehen die Konkurrenten nebst der Unmöglichkeit für „Deutschland“, sich das unverzichtbare Mittel eines solchen „Aufstieges“ zu verschaffen – selbständige Verfügung über ultimate Waffen. Deshalb ist die zitierte Aussage nicht unbedingt falsch, aber sie ist auch nicht wahr – sie ist eine falsche Abstraktion

Jetzt schaut bitte, wie der vorliegende Artikel über den letzten drüber bügelt, wobei ich mich auf zwei Punkte beschränke:

„Der Grund für diesen Fortschritt liegt nicht im Krieg in der Ukraine. Der folgt aus dem großen Imperativ, den noch alle bundesdeutschen Nachkriegsregierungen aus ihrem selbstkritischen Urteil abgeleitet haben: Ihr Deutschland ist zu klein. Es genügt dem Anspruch nicht, den diese Nation an die Welt zu stellen hat.“

Er wird noch allgemeiner, noch abstrakter, nämlich genau auf die Weise, die den Gegenstand hinter sich läßt. Das ist jetzt nicht mehr eine aktuelle „deutsche Staatsraison“, auch nicht die „vergangene Staatsraison“, welche die politische Klasse einer „Zeitenwende“ opfert, schon gar nicht sind es ein oder mehrere Gründe für diesen Übergang, sondern … deutscher Patriotismus. Ideologie pur, „Größe“ in der Gestalt eines abstrakten Behälters beliebiger nationaler Ambitionen, wie – beispielsweise – Erhaltung und Förderung des Wagner-Zirkus in Bayreuth auch.
Und bescheidene Nachfragen wegen eventueller Widersprüche und Inkonsistenzen im vorliegenden Artikel, die ich aus Platzgründen nicht erwähne, und eventuelle Erinnerungen an den voran gegangenen, bescheidet man vorab gleich unterm Summenstrich:

„Dass eindeutige deutsche Führung und Einigung der souveränen Partner unter einem solchen Regime einander widersprechen – auch die deutsche Seite bringt beides schlecht unter einen Hut, fürchtet im Gesamtverbund um ihren nationalen Vorrang –, gehört zur deutschen Räson quantitativer und qualitativer Selbstvergrößerung dazu. Aber wieso sollte der deutsche Imperialismus auch der weltweit einzige ohne Widerspruch sein?!“

Diese intellektuelle Korruption ist, ich will es hier nicht stecken lassen, widerwärtig.

Was bleibt unterm Strich? Nichts. Der Artikel ist indiskutabel und in der Sache gegenstandslos. Sein realer Gegenstand ist eine unzureichende Dekonstruktion der Stilistik regierungsamtlich verordneten und beförderten Patriotismus in der „Zeitenwende“, deren Inhalt (der der Zeitenwende), deren Substanz außen vor bleibt, und diese beizuziehen, dafür kann TomGard, bitteschön, nicht einspringen, vere? Hier schon gar nicht.

PS.: An die US-Fanboys (besonders den paradoxen Flügel derselben):
Auch wenn es die reine Wahrheit wäre, was ihr euch so denkt und zurecht legt, wenn die Bundesregierung auf irgend eine Weise unter direktem Befehl der Oberteufel stünde (wer immer das sei), so geböte ein Restbestand intellektueller Redlichkeit, zu erwägen, daß sie Recht haben könnte, daß es „irgendwie“ keine Alternative zum Gehorsam im Sinne eines „nationalen Wohls“ gebe.
Und wenn ihr dabei an den Libyenkrieg, an die NATO-Schleusung von Flüchtlingsmassen, an die Anschläge von Paris und Brüssel, an das Verschwinden von MH370 und den Abschuß von MH17, das Hijacking des „Euro-Maidan“ durch Nuland, Ashton, Sikorski, an den „shift“ der EU-Staatsraison durch Hexenkralle (aka „Novichok“) denkt, an die Angst Merkels, auf einer ukrainischen Militärparade abgeschossen zu werden, und was es dergleichen mehr gibt, liegt ihr ja nicht ganz verkehrt.
Aber denkt bitte daran, wenn es so wäre, dann müßte sich die Regierung pi mal Daumen genau so aufstellen, wie sie es tuteuretwegen. Aus Rücksicht auf euren Staatsidealismus und paradoxen Patriotismus.

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Eine Antwort zu Warum eigentlich?

  1. tgarner9 schreibt:

    Einen kleinen Haken will ich noch setzen.

    „Der weltweite Kapitalismus ist ohne amerikanisches Weltgeld … nicht zu haben.“

    Das ist ein Totschlagsargument, eines, das bis vor recht kurzer Zeit auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit Erfolg Autorität beansprucht hat – bis … naja, sagen wir bis zur „Covid-Krise“? Oder meinetwegen auch bis zum Herbst letzten Jahres. Seine „Substanz“: TINA, there is no alternative. Wahlspruch von Merkel.

    Doch das ist mit der Weigerung der NATO, und ihr folgend auch des WH, sich auf die diplomatischen Ultimaten Russlands einzulassen, Vergangenheit. Now there is an alternative – Weltenkrieg. Nicht „Armageddon“.
    Mit dem Übergang zur Kriegswirtschaft ist das Weltgeldpärchen $/€ im Kern schon abgewickelt, was ein Mensch, der Marx „Politische Ökonomie“ nicht studiert hat, vermutlich nicht leicht erkennen kann (vielleicht irre ich mich an dem Punkt), weil daraus noch lange nicht folgt oder folgen muß, daß Euro und Dollar Geld- und selbst Kreditfunktionen verlieren. Daß dies nicht der Fall ist, liegt an TINA’s Wirk-lich-keit.
    Doch schon seit langer Zeit büßen Euro und Dollar einen nicht so sichtbaren Teil ihrer Weltgeld-Kreditfunktionen ein, sie kreditieren keine Akkumulation mehr. Wachstum schon, ja, aber auch dies nur in begrenzten Sektoren der Emittenden dieses Kreditgeldes. Der Löwenanteil der Akkumulation, heißt hier „Aneignung von zuschüssiger unbezahlter Arbeitskraft“, findet in Asien (mit Steigerung der Produktivität) und Afrika (mit Ausweitung der Lohnarbeit) statt, und immer weniger davon „landet“ in der Hinterlassenschaft des fiktiven „amerikanischen Imperiums“ und unter den Fittichen der europäischen Emporkömmlinge. Daran ändert die Akkumulierung und Inflationierung der Eigentumstitel, die in privaten und staatlichen Instituten der Alten und Neuen Welt angehäuft werden, nichts. Schon gar nicht ihre Verwendung in wachsend gewaltigen Rüstungsprojekten, die vom Standpunkt der Akkumulation nichts als Schrott sind.
    Und soweit das alles nicht gilt, Marx hätte es „entgegenwirkende Momente“ genannt, betrifft das die sogenannten „Zukunftstechnologien“, deren Sachwalter ja nicht müde werden, zu betonen, daß der „Vorsprung“ der alten Weltherren in diesen Abteilungen ein ziemlich kurzes Verfallsdatum hätten.

    Kurz und schmutzig: Mit dem Dollar ist aus Sicht der alten kapitalistischen Welt kein Staat mehr zu machen – und deshalb scheuen sich die Sachwalter der Weltgelder nicht, deren Ende zu beschleunigen. Wozu braucht es das Zeug, wenn Digits plus Polizei-, Folter- und Vernichtungsgewalt, anders, als im vergangenen Jahrhundert, keine schlechteren Dienste leisten?

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