Neanderthalismus

Die drei Einträge dazu habe ich in „Menschenbild, Anthropologie, Rassismus“ unter dem Reiter „berufene ~archen“ verschoben, dazu den ersten Teil stark bearbeitet. Der Rest bleibt erstmal „work in progress“.

Nachtrag:
Dafür parke ich grad mal dies Video (soeben gesehen), weil Tom Higham eine knappe und nüchterne Zusammenfassung gibt, erst in den letzten 2 min packt er die branchenübliche Lyrik über „Menschenarten“ aus.
Dabei können die Daten, insbesondere die Sediment-DNA in der Denisova-Höhle und spezifische Allelverteilungen, von denen kurz vor Ende die Rede ist, vom Gegenteil zeugen.
Zuvor erinnere ich mich kurz an Daten, von denen Higham nicht redet, weil er (noch) nicht muß:
Die Abspaltung des Neanders aus Sapiens-Linien ist wohl wenigstens 700k Jahre alt und die Reklassifizierung, Neudatierung und Ergänzung der Jebel Irhoud-Fossilien – zu denen es keine DNA gibt – lassen gleich zwei von der bisherigen Gattungsgeschichtsschreibung abweichende Schlüsse zu:

Eine Zusammenführung verschiedener Herkünfte zu einer „sapiens – Stammentwicklung“ in Afrika ist wohl wenigstens 400k alt und:

Einen hohen Anteil daran könnte der Teil der „Neandertaler“ haben, der in der Forschung bislang nicht als „Neandertaler“ aufgetreten ist, weil die Population, die in Afrika verblieb, dort relativ rasch in diversen anderen Populationen aufging.

Zuzüglich sind die jüngeren Ergebnisse der Neander-Forschung zu berücksichtigen, die bestätigt haben, daß ihre Siedler-Populationen in weitem Umfang genau das geblieben sind: Siedler-Populationen. Kleinpopulationen mit hoher Inzuchtrate einerseits und kultureller Exogamie (vmtl. überwiegend patrilocal) andererseits. Wie auch sonst! Wenn das je anders gewesen sein sollte, dann nach ca. 120k nicht länger, dem Zeitabschnitt, in dem harte und rasche Klimawandlungen, teilweise im Abstand von kaum mehr als 1000 Jahren, eingesetzt haben.

Zurück zum Video. Die Geschichte, die es unter Zugrundelegung der o.a. Gegebenheiten / begründeten Hypothesen erzählt, ist nicht eine von „vielen Menschenarten“, sondern von einer neuartigen Kulturevolution, die in unerhört kurzen Zeiträumen tiefe und nachhaltige Spuren im Genom produziert und hinterlassen hat. Zu dieser Kulturevolution haben es die asiatischen Zweige des erectus, die in China und Ostasien wohl bis ca. 100k überlebt haben, allem Anschein nicht gebracht, was erklären könnte, daß sie westlich davon nicht so lange überdauerten. Wenngleich: An dem Punkt sollte man mit Überraschungen rechnen.
Neuankömmlinge aus Afrika, sapiens geheißen, brachten gewiß eine andere Kultur mit (und damit meine ich jetzt nichts, was sich an Werkzeugherstellung sonderlich gut identifizieren lassen muß), weil sie deutlich anderen Klimata und Biotopen entstammten, aber zwei Besiedlungswellen scheiterten (eine ca.200k, eine ca. 100k später) bevor eine Dritte aus Gründen Erfolg hatte, von denen EINER der Erwerb von Neanderallelen in den ersten zwei Wellen gewesen ist.
Umgekehrt scheinen westasiatische Neanderpopulationen irgendwann um 200k, vielleicht früher, ihre ursprünglichen Geschlechtschromosomen weitgehend durch „sapiens“-Varianten ersetzt zu haben, von Populationen, die im rassistischen Sinne „noch“ nicht „sapiens“, aber „nicht mehr“ Neander waren und deren Hinterlassenschaften man in der Levante vermuten darf.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Neanderthalismus

  1. tgarner9 schreibt:

    Es bleibt, wie es immer war. Ich entwickle eigenständig eine vorläufige Vermutung (Hypothese wäre zu anmaßend) und finde dann, daß Lieblingsforscher diesen Weg schon Jahrzehnte vorher beschritten haben, aber marginalisiert wurden, zumindest was die öffentlichen Debatten anbelangt.
    Den Anfang machte der verehrte John Hawks vor über 20 Jahren:
    https://academic.oup.com/mbe/article/17/1/2/975516?
    Mit seinen Partnern befand er, daß die „recent bottleneck“-Hypothesen, die für einschlägige rassistische Deutungen der sapiens-Geschichte grundlegend sind, schlicht falsch sein müssen, obwohl umgekehrt die Verarmung der Mitochondrien-DNA, auf welche solche Vermutungen gestützt wurden, statistisch unerklärbar bleiben.
    Eine Teillösung lieferten Doron M. Behar, ein nicht so geschätzter Kollege (er ist Aktivist medizinischer Eugenik und Fanatiker in der Erforschung von „Judengenen“) und seine Kollegen mit einer umfangreichen Studie mitochondrialer Erbgänge bei den Khoisan, den sub-saharischen Stämmen mit der höchsten genetischen Variationsbreite. Der Befund (dem ich einstweilen interessiert vertraue):
    „Our results suggest that the early settlement of humans in Africa was already matrilineally structured and involved small, separately evolving isolated populations.“
    Der Ausdruck „matrilinear“ ist hier urkomisch daneben, weil sein Gegenstand die Definition und Tradierung von Verwandschaftsverhältnissen und darauf basierter Verkehrsverhältnisse ist. Genetisch wirksam (durch Gendrift / shift, sexuelle Zuchtwahl und evtl. lokale Flaschenhälse) wird Matrilokalität in Siedlerpopulationen. Hingegen ist der auf religiöser Ebene matrilinear definierte Tribalismus des Judentums nicht matrilokal …
    Den Zeitraum, zu dem die matrilokalen Entwicklungs- und Selektionsbedingungen bei den entfernten Vorfahren der Khoisan eingesetzt haben könnten, schätzten Behar et al 2008 auf 90 – 150k, d.h. jedenfalls deutlich nach den ersten Auswanderungen von AMH („anatomic modern humans“) in die Levante und darüber hinaus, und deutlich vor der erfolgreichen Migration nach West- und Ostasien.
    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2427203/

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..