Der russische Imperiumskrieg mutiert zur Kenntlichkeit

Selenskyj klagt über beispiellosen Terror gegen Energiesektor

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die russischen Luftangriffe als beispiellose Attacke auf die Energieversorgung seines Landes bezeichnet. „Russische Terroristen haben so schwierige Bedingungen für unsere Energiearbeiter geschaffen, dass niemand in Europa jemals zuvor so etwas gesehen oder erlebt hat“, sagte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache.

(Tagesschau, 27.10)

Das ist zwar eine Halbwahrheit, aber keine Lüge.

Die Air-Raids der NATO gegen Serbien in den Jugoslawienkriegen waren im klaren Unterschied zu den russischen Raketen- und Drohnenangriffen genozidal – allerdings nur der Verwendung von Uranmunition halber, die große Teile des serbischen Territoriums, nebenbei auch zahlreiche Areale in anderen europäischen Ländern, zu Hochrisikogebieten gemacht haben, auf denen die Krebsraten durch die Decke gehen.
Aber das war nicht die Absicht der Mehrheit der operativen Kommandeure, nur wenige Leute hoch oben in der britischen und amerikanischen Militäraristokratie waren sich darüber im Klaren, was sie da befehligten.

Die Angriffe auf die industrielle, energie- und verkehrstechnische Infrastruktur Serbiens waren, anders, als die Bombenkampagnen der Alliierten im WK2, welche die Angriffe auf die deutsche Kriegsmaschinerie um ostentative Abschlachtung und Verbrennung vieler 100 Tausend Zivilisten und Vernichtung elementarer Reproduktionsbedingungen der Bevölkerung ergänzt hat, nicht dimensioniert und geeignet, die Kriegsmoral des angegriffenen Volkes und damit der Nation nachhaltig zu beschädigen, ganz im Gegenteil.
Wie sich auch jetzt in der Ukraine zeigt, konnten die Luftangriffe die Kriegsmoral der Angegriffenen nur stärken, weil und so lange klar war, daß ihnen kein durchgreifender Territorialangriff folgen sollte und konnte.

Worauf zielte dann der Terrorkrieg gegen Serbien, worauf der Terrorkrieg der RF gegen die ukrainische Bevölkerung, nachdem mit jeder vergehenden Stunde deutlicher wird, daß die angerichteten Schäden nicht gedacht sind, dem Erfolg einer Bodenkampagne den Boden zu bereiten?

Aus Rücksicht auf die moralistisch verseuchte, versengte und zerfolterte Leserschaft will ich vorab argumentlos hingesagt haben, daß die innere und äußere Formation der Russischen Föderation die Mobilisierung eines Vernichtungswillens, wie die amerikanische Nation sie mit und seit dem Bürgerkrieg, das britische Empire in den Kolonialkriegen und das Deutsche Reich in der nachholenden Nationenbildung im WK2 aufgebracht haben, überhaupt nicht hergibt. Aber in dem Zusammenhang, den ich unzureichend vorstellen will, ist ebendas „Teil des Problems„.

So irre es erscheinen mag, der Verlauf der russischen Kriegführung seit dem Februar hat bewiesen, daß die militärpolitische Führung der RF in der Überzeugung gehandelt hat, Instrument einer „historischen Richtigstellung“ zu sein, die von einer Art Verwerfung letztlich unverrückbarer Wahrheiten berufen sei, durch Kräfte und Erscheinungsformen einer „westlichen Zivilisation und Kultur“, welche die Herren des ukrainischen Territoriums PLUS Teile ihres völkischen Reservoirs gleichsam widernatürlich gegen Russland, gegen „russische Identität“, gegen russische Kultur und Zivilisation gestellt hätten.
Ein Beitrag auf der Plattform des Saker mag dies illustrieren, just indem der Privatier, der dies verfasst hat, übersteigert, verzerrt, doch sich dabei zugleich auf Erscheinungsformen auf der Gegenseite zu berufen vermag, die ihm „Recht“ zu geben scheinen.
Wie auch anders! Die Grundbestandteile der beteiligten Nationalideologien sind pi mal Daumen dieselben, einschließlich der rassistischen Komponente, so ähneln sie einander wie ein Ei dem anderen!
Auf dieser Ebene ist der russisch – ukrainische Krieg (in Wahrheit ist es halt ein anderes Ding!) tat-sächlich ein Bruderkrieg.
Und worum werden Bruderkriege geführt?
Richtig. Um patriarchale Nachfolge.

Ich weiß ja, und meine Leser können es auch wissen, daß Wladimir Putin die oben skizzierte Überzeugung nicht in der Gestalt teilt, wie ich sie vorgestellt habe. Gleichwohl hat er die angeführten Elemente in seiner Kriegserklärung und seinen Legitimationsreden aufgeführt und mobilisiert, um sie jeweils am Schluß in ein übergeordnetes nationales Interesse einzubetten, dem Interesse an einer angemessenen Rolle Russlands – tatsächlich der russischen Föderationsregierung! – in einer aufziehenden bipolaren Welt, die er deshalb „multipolar“ zu nennen vorzieht, obwohl diese Welt dies Attribut schon 30 Jahre lang zu tragen verdient.

Genau so aber, mit der durch diese Verwerfungen zwischen Interessen- und Machtpolitik geprägten Kriegsideologie, führt Wladimir Putin, wenn man seine Person zum Gegenstand nimmt, einen patriarchalen Erbfolgekrieg. Das ist nicht sein Wille, obwohl er mehr oder weniger unwillkürlich die Bestimmungen dieses Erbfolgekrieges in seinen Willen aufnehmen muß, falls sie nicht längst dort wesen sollten, will er oberster Heerführer bleiben.

Und daß er das bleiben möge, darauf dürft ihr alle, vom Bettler bis zum Bankherren, jetzt hoffen.
Denn Putins Rolle und Funktionen ähneln in den Grenzen des Russischen Reiches, das er mit Hilfe weltweit residierender Oligarchien im Interesse des imperialen Weltmarktes aufrecht erhalten hat, auf lachhafte Weise denen des Gaius Octavius Augustus. Auf eine solche Figur folgen unter Kriegsbedingungen unweigerlich die Tiberii, Caligulas und Neros.

Damit zurück zum Ausgangspunkt.
Der verschriene „Hoffnungsträger“ der russischen „Special Military Operation“, die weiterhin kein Krieg sein soll, Sergej Surowikin, ist seit seiner Rolle im Tschetschenienkrieg ab 2004, der „Mann Moskaus“ für russische Antiterrorkriege, die er stets bedenkenlos mit den eigentümlichen Mitteln eines solchen geführt hat – Terroroperationen. Terroroperationen gegen das, was er selbst oder seine vorgesetzten Stellen für Bestandteile eines „Terrorsumpfes“ und deren Reservoire halten wollten.
Unbenommen, daß die russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur militärischen Nutzen haben, der ihnen überwiegend durch die Waffenlieferungen der Ramstein-Koalition zukommt. Doch indem sie keine Vorbereitung für eine durchgreifende Bodenoffensive sein können, dafür begannen sie zu früh, sind sie allenfalls ein zweifelhafter Beitrag zu Konsolidierungen einer beiderseits wenig beweglichen Frontlinie. Folglich ist ihr Zweck – objektiv, nur im Detail abhängig vom Willen der Ausführenden – Strafung. Terror gegen eine imaginierte patriarchale Versippung des Feindes, in der die Führungsmanschaft als Despot vorgestellt ist, die Gefolgschaft als Söhne, die sich der von Russland eingeforderten Revolte widersetzen, und deren Gesponse und Nachkommen als die Geiseln, die Väterchen Russland gegen sie nimmt.

Ich habe Verständnis für Kriegsgegner, die vor diesen Tatsachen und Phänomenen die Augen verschließen, um nicht dem Terror ihrer eigenen Herren in die Hand zu spielen, aber ich habe NULL Verständnis für die moralistischen Motive, mit denen das geschieht und die Fassade gegen Kritiker und Zweifler aufrechterhalten wird. Denn DAS spielt den Herren nachdrücklich und unabänderlich in die Hände!

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Eine Antwort zu Der russische Imperiumskrieg mutiert zur Kenntlichkeit

  1. tgarner9 schreibt:

    https://www.anti-spiegel.ru/2022/putin-ueber-die-neue-weltordnung-russland-reicht-allen-staaten-die-hand/

    kA, inwieweit ich das besprechen werde. Einstweilen nur dies:

    „Der Westen ist nicht in der Lage, die Menschheit alleine zu regieren, aber er versucht es verzweifelt, und die meisten Nationen der Welt sind nicht mehr bereit, das zu dulden. Das ist der größte Gegensatz der neuen Ära. Die Situation ist in gewisser Weise revolutionär: Die Oberschicht kann nicht und die Unterschicht will nicht mehr so leben, heißt es in einem Klassiker.“

    So ist der Ukrainekrieg zum Bestandteil einer „Revolution von oben“ erklärt, Putin ergänzt auf diese Weise Warren Buffets berüchtigten Spruch:
    ”There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”
    von der Seite „minderbemittelter Staatswesen“.

    Etliche Leser aus der älteren Generation dürften die „strukturelle“ Äquivalenz der Rolle, die „Geschichte und Kultur“ in Putins Anspruch auf geschichtliche Sendung hat, zu der, die „Volk und Rasse“ im nationalsozialistischen Angriff auf die Resultate kolonialistischer Aufteilung des Weltmarktes hatte, nicht übersehen. Ich erwähne das, weil dieselben Leute imstande sein sollten, zu erkennen, daß die Defensivität und Bescheidenheit der Mission, die Putin beansprucht, die Analogie komplett in den Schatten stellt. Der ganze Schmonzes taugt konkret zu gar nicht MEHR, als Mobilisierung der Bevölkerung für die Selbstbehauptung der Russischen Föderationsregierung und Rechtfertigung der militärischen Freiheit, mit der sie zu diesem Zweck ihren Anspruch geltend macht, gegen die NATO in die Ukraine hinein regieren zu DÜRFEN.

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