Das Johannis – Evangelium zum Beispiel einer „reinen Lehre“

(Entwurf zu Kapitel 2 des voran gegangenen Eintrages)

Das Evangelium des Johannis: Im Anfang war das Wort

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

Bibelforscher schreiben das Evangelium einem „Johanitischen Kreis“ zu, einer Gemeinde oder Schule, deren Sitz sie in Ephesos vermuten, unter anderem deshalb, weil die ältesten überlieferten Texte einen höheren Anteil an griechischen Lehnwörtern und Wendungen aufweisen, als andere Bibeltexte. Nimmt man dieses Phänomen zum Maßstab, könnte der „Johannitische Kreis“ der Traditionslinie der jüdischen Gemeinden in Ephesos vor der Mission des Paulus von Tarsus entstammen und mit ihr konkurriert haben.
Für diesen Hintergrund habe ich Wikipedia-Einträge nur flüchtig in theologischen Quellen gegengecheckt. Es kommt mir nicht sehr auf ihn an, aber mir fiel das Spannungsverhältnis auf, welches ein Leser zwischen den Botschaften des ersten Kapitels des Evangeliums und den überlieferten Texten des Paulus erblicken könnte. Letztere sind überwiegend ekklesiastische Botschaften des Paulus an Nichtjuden, die weitgreifende Missionsabsichten schließen lassen, auf die Schaffung eines ‚Menschenreich Gottes‘. Das Johannis-Evangelium erscheint hingegen im ersten Kapitel wie ein exegetisches Zeugnis von Botschaften eines Jesu Christi an die jüdischen Gemeinden, deren religiöse Tradition von ihnen angegriffen war.

Johannes legt Zeugnis für (Christus) ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Darauf vergleicht die eingangs zitierte johannitische Fassung der Genesis mit dem Tanach-Text, der später in das Alte Testament des Christentums übernommen worden ist:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. Und Gott sprach: … (usw.)

Die adverbiale Bestimmung „Am Anfang“ ist der sakrale Chronotopos schlechthin. Das säkulare Äquivalent dazu wäre „Eines Tages …„, er verortet die Geschichte nicht etwa an dem geographischen Ort, der unmittelbar darauf genannt werden mag, “ … im Mai am Ufer der Elbe nahe …“, vielmehr in einem erzählerischen Raum, in welchem alle Geschichten nebeneinander stehen, die der Hörer kennt. Der sakrale Topos macht daraus die eine Geschichte, die alle anderen umgreifen soll.

Das erscheint im Nachhinein der späteren Geistesgeschichte als gleichsam selbstverständliche Konsequenz des monotheistischen Anspruches des Jahwe-Kultes, ist es aber nicht. Ich erinnere an einen Satz im letzten Kapitel:

Religion kann familiäre, tribale, zünftige, bündische geistige Tradierung und deren mythologische Gestaltungsformen nur aufnehmen, indem sie sie „aufhebt“, und in der aufgehobenen Gestalt auch reproduziert.

Das geschieht in der Genesis des Tanachs mit Hilfe ihrer Tropen, die heute noch als solche halbwegs kenntlich sind, aber mit den vergessenen ursprünglichen Zusammenhängen auch ihre Leistung eingebüßt haben, als da sind: „Himmel und Erde“, „wüst und leer“, „Geist – Wasser“, „Licht – Finsternis“.
All das sind duale Entitäten polytheistischer Kosmogonien aus dem geographischen Großraum des Jahwe-Kultes, überwiegend Jahrtausende vor dessen Auftreten entstanden, die ihre Rolle erst im Zuge der Zerlegungs- und Niedergangsgeschichte des römischen Imperiums zugunsten des abrahamitischen Monotheismus einbüßten, beginnend in Etwa mit der römischen Kaiserzeit.
Diese dualen Entitäten sind selbst wiederum urbane „Aufhebungsformen“ unbekannter tribaler Mythologien, deren Gegenstand notorisch eine Stammesherkunft und Stammesidentität ist.

Die heute noch bekanntesten, weil umfangreich schriftlich überlieferten urbanen Kosmogonien, sind die akkadische (babylonisch-sumerische) Enūma eliš, die Theogonie des Hesiod und eine phönizische Variante, die Elemente beider enthält.
Es ist natürlich schwierig, die sakralen oder auch nicht sakralen Chronotopen abgebrochener Überlieferungen anzugeben. Ich nehme mir, aufgrund meiner Weisheit, die künstlerische Freiheit, die akkadische „Linie“ zu:

  • „Abzu fickte Tiamat“

und die griechisch / römisch / phönizische Linie zu

  • „Chaos fickte Caligo*“ (oder umgekehrt)

zu verdichten. Es sind Begattungsgeschichten, auch wenn Hesiod sich bereits zu fein ist, sie in dieser Form zu überliefern. Das geschah viel länger in der römischen Mythologie, die sich darin vermutlich auf phönizische Ableger gestützt hat.
In allen Varianten geht es polytheistisch – urban um eine Antwort auf die Frage: Wie entstand Form aus Formlosigkeit, Erde (Dinge) aus Himmel (Leere, nicht-Dinge), Licht (Anschauung) aus Finsternis (Un-Anschaulichem), und schließlich allgemein: Ordnung aus Chaos, aber erst noch in der tribalen Formgebung einer Begattungs- und Stammesgeschichte, welche die Stammesglieder anschließend – chronologisch und system(ati)sch – in Götterhimmel exiliert hat.

(* Caligo werdet ihr anscheinend nicht mehr trivial finden, ich habe sie aus Vollmers Mythologielexikon von 1874)

All das nimmt die Genesis des Jahwe-Kultes rhetorisch in sich auf, um es in Befehlsform, in göttliche Weisung zu kleiden, und darin vernichtend aufzuheben!

Jetzt laßt uns zurück kehren zur Johannitischen Fassung der Genesis, ich wiederhole sie dazu:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

Falls ihr mir gefolgt seid, werdet ihr erkennen, daß dies nahezu eine revolutionäre Revision der jüdischen Tradition ist: Die Befehlsform ist eliminiert, sie ist aufgehoben in einer Tropen-Kaskade, in der „Das Wort“ nicht mehr als Rede figuriert, sondern als Sprache, Sprache an und für sich, wie Hegel das ausgedrückt hätte.
Ich erinnere an das letzte Kapitel:

(Marx) Satz demonstriert anhand des Sprechens nicht „der Sprache“ – Bewußt-Sein sei identisch mit Handeln. „Handeln“ nennt im Unterschied zu „tätig sein“ ein geistig vermitteltes Einwirken von Individuen oder Verbänden aufeinander, bzw. Tätigkeiten, die einen solchen praktischen Bezug von Individuen oder Verbänden untereinander voraussetzen und / oder realisieren. (…) Das Resultat ist ein mittelbares Wissen des Subjektes von sich selbst, von sich als tätigem und handelnden Subjekt.

Der Chronotopos des Johannis-Evangeliums ist in den Übersetzungen uneinheitlich wiedergegeben. Er wurde häufig, aber nicht durchgängig mit „Im Anfang“ übersetzt, im Kontrast zu „Am Anfang“ in der Tanach’schen Genesis.
Syntaktisch ist das sowohl im altgriechischen wie im lateinischen ununterscheidbar. Mit Ἐν ἀρχῇ kann eine chronologische Erzählung ebenso beginnen, wie eine theoretische Entwicklung aus einem Gedanken, einer Setzung, einem „Prinzipe“, bzw. „principio“, wie der Lateiner sagte, was sowohl den Dativ, zu(m) Beginn, als auch einen Ablativ anzeigen kann.
Aber abgesehen von syntaktischen Feinheiten wird, denke ich, hinreichend klar, daß und wie das Johannis-Evangelium die rituelle jüdische Chronologie um eine philosophische Deutung ergänzt, welche sie im vollen Sinne aufzuheben geeignet ist.
Es etabliert eine Trennung (die in einen ablativus separativus kodiert werden kann), welche die Offenbarung einer „Menschwerdung Gottes“ in Jesu mit einer „Fleischwerdung des Wort Gottes“ rechtfertigt, welche die mosaischen Genesis mittelbar bereits enthalte. Die Trennung ist eine Scheidung von „Gott“ und „Welt“, welche „ein Wort Gottes“ verdoppelt; es soll einmal es selbst sein, „Gott selbst“, und einmal „Gnade und Wahrheit“ in der Welt, in der Gestalt und den Verkündigungen Jesu Christi.
Daß dies ein polemisches Verhältnis ist, spricht das Evangelium direkt aus:

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist (…) hat Kunde gebracht.

Ich denke, es ist unschwer das philosophische Prinzip zu erkennen, welche die johannitische Exegese der Genesis zeitgenössisch mit den Lehren von Antiochus von Askalon und Plutarch, und vermittels beider mit den aristotelischen Schulen antiker Wissenschaft verknüpft hat. Die Verdoppelung des Gotteswortes ist dasselbe, wie der philosophische Dualismus von „Geist“ und „Materie“ in der aristotelischen Fassung der platonischen Ideenlehre. Sie etabliert Empirie zur Wissensquelle in Übereinstimmung mit Offenbarung, und damit „Gottes Wort“ als Substanz dessen, was ist.

Ich bin mir noch nicht schlüssig, inwieweit ich den letzten Absatz noch erweitern werde, das kommt auf Ergebnisse der Arbeit an folgenden Kapiteln an:
Und ich merke vorsichtshalber nochmal an: Ich will nicht den Eindruck erwecken, ein breites und gründliches Wissen über die Abteilung der Geistesgeschichte zu verfügen, die ich oben ausgehoben habe. Sie repräsentiert umgekehrt nicht alles, was ich über die Sache und ihren Zusammenhang weiß. Ich habe sie mit Blick auf Texte, die noch folgen sollen, vorläufig kalibriert.

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Eine Antwort zu Das Johannis – Evangelium zum Beispiel einer „reinen Lehre“

  1. tgarner9 schreibt:

    Ich denke, ich sollte die Linie Aristoteles – Johannis – Kant anhand der Kant’schen Kategorienlehre und „reinen Formen sinnlicher Anschauung a priori“ hier kurz nachzeichnen.

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