Kommuniqué des Chinesischen Außenministers zum Deutsch-Chinesischen Gipfel – update

Quelle. Teilübersetzung, des Diplomatensprechs halber, versehen mit kurzen Kommentaren.

China wird mit Deutschland an einer zukunftsorientierten umfassenden strategischen Partnerschaft und an neuen Fortschritten in den Beziehungen zwischen China und Deutschland und zwischen China und Europa arbeiten.

„We will work with“ ist die eigentümliche Redewendung der US-Diplomatie für Forderungen an untergebene Instanzen, also jeden beliebigen Souverän des Globus, auf denen man mit allen Mitteln, die verfügbar sind, und den USA angemessen erscheinen, zu bestehen gedenkt.

Dieser Forderung läßt das Kommuniqué eine abstrakt – allgemeine Zurückweisung aller Gegenforderungen folgen, die aus chinesischer Sicht eine sogenannte „Einmischung in innere Angelegenheiten“ darstellen könnten:

Präsident Xi wies darauf hin, dass Modernisierung ein Streben und Ziel sei, das von Menschen in allen Ländern geteilt werde. Allerdings sollten die Länder ihren Weg zur Modernisierung im Lichte ihrer eigenen nationalen Realitäten wählen. Die chinesische Modernisierung weist Elemente auf, die den Modernisierungsprozessen aller Länder gemeinsam sind, sie ist jedoch mehr durch Merkmale gekennzeichnet, die für den chinesischen Kontext einzigartig sind. Dies liegt an Chinas einzigartigen nationalen Bedingungen, an Chinas Sozialsystem und Regierungsphilosophie und an den Einsichten, die man in China in jahrzehntelangen Modernisierungsbemühungen erworben hat.

Der nächste Abschnitt unterstreicht, das Verlangen nach Nichteinmischung ist keine Floskel, Deutschland habe mit Konsequenzen zu rechnen, falls es das nicht akzeptiere und achte:

Präsident Xi betonte, dass politisches Vertrauen leicht zu zerstören, aber schwer wieder aufzubauen sei und dass es von beiden Seiten gepflegt und geschützt werden sollte. Er zitierte ein Zitat des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, das er ebenfalls schätzte, dass politische Führer die Gelassenheit haben sollten, die Dinge zu akzeptieren, die sie nicht ändern können, den Mut, die Dinge zu ändern, die sie ändern können, und die Weisheit, zwischen beidem zu unterscheiden . Es ist wichtig, dass China und Deutschland einander respektieren, die Kerninteressen des jeweils anderen berücksichtigen, am Dialog und an Konsultationen festhalten und gemeinsam Störungen durch Blockkonfrontationen und Versuche widerstehen, alles durch das Prisma der Ideologie zu sehen.

Auch die Erwartung, Deutschland möge sich dem von den USA und von anderen Stellen verlangten Protektionismus und wissenschaftlich-technischen Embargoregimes gegen China widersetzen, kleidet das Außenministerium in ein unzweideutiges Verlangen, obgleich es Raum für Relativierungen an Nutzen- bzw. Schadenskalkülen läßt, die Deutschland möglicherweise aufgenötigt werden :

Xi forderte Deutschland auf, sich China im Widerstand gegen Protektionismus anzuschließen, damit die fruchtbare bilaterale Zusammenarbeit den beiden Völkern mehr Nutzen bringt.

Thema Ukraine:

Präsident Xi ermutigte Deutschland und Europa, eine wichtige Rolle bei der Erleichterung von Friedensgesprächen einzunehmen und sicherte chinesische Unterstützung dafür, und für einen Aufbau ausgewogener, effektiver und nachhaltiger Sicherheitsarchitektur in Europa zu. Unter den gegebenen Umständen sollte die internationale Gemeinschaft: alle Anstrengungen unterstützen, die einer friedlichen Lösung der Ukraine-Krise förderlich sind, gegebenenfalls die Parteien („relevant parties“) auffordern, rational zu bleiben und Zurückhaltung zu üben, und umgehend zu beginnen, Bedingungen für die Wiederaufnahme von Gesprächen zu schaffen; sich einem Einsatz von Nuklearwaffen oder dessen Androhung entgegen stellen, dafür eintreten, dass Atomwaffen nicht eingesetzt werden und keine Atomkriege geführt werden dürfen, und einer nuklearen Krise in Eurasien entgegen zu wirken; zusammenarbeiten, um globale Industrie- und Lieferketten stabil zu halten und Störungen der internationalen Zusammenarbeit in Energie, Nahrungsmitteln, Finanzen und anderen Bereichen vermeiden, sowie einen daraus resultierenden Schaden für die globale Wirtschaftserholung, insbesondere die wirtschaftliche und budgetäre Stabilität der Entwicklungsländer, abzuwenden.

Läßt das an Deutlichkeit zu wünschen übrig, gegen wen diese Botschaften gerichtet sind, zumindest in (buchstäblich) erster Instanz? Nein. Scholz hat sich eine krachende Abfuhr geholt, als er sich bemühte, Xi Jinping ein Zeichen, vielleicht gar Signal einer Distanzierung von Moskau zu entlocken.

Nachdem Scholz diesen Fehlschlag nach seiner Rückkehr auf buchstäblich lügnerische Weise in einen Erfolg umgedeutet hat, kaum daß er den Flieger verlassen hatte, wird man ihm in Peking schwerlich noch einmal zuhören. Er wird das wissen; es ist ihm wurscht, er kämpft offenbar um sein persönliches, politisches Überleben.

Umso relevanter die Botschaften, die das chinesische Außenministerium von ihm gehört haben will:

Scholz hielt fest, auch Europa stehe in einer komplexen und schwierigen internationalen Landschaft vor beispiellosen Herausforderungen. China spiele eine wichtige Rolle bei vielen globalen Themen wie Klimawandel, Biodiversität, COVID-Reaktion und Lebensmittelkrise. Deutschland wolle die Kommunikation und Koordination mit China aufrechterhalten, um den regionalen und globalen Frieden und die Sicherheit besser zu gewährleisten. Deutschland unterstütze nachdrücklich die Handelsliberalisierung, die wirtschaftliche Globalisierung und sei gegen eine sogenannte „Entkoppelung“. Deutschland stehe bereit für eine engere Handels- und Wirtschaftskooperation mit China und unterstütze eine Zunahme wechselseitiger Investitionstätigkeit chinesischer und deutscher Unternehmen. In Fragen, in denen die Positionen der beiden Länder voneinander abweichen, sei Deutschland bereit, sich mit China auszutauschen, um gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu stärken und die bilateralen Beziehungen zu stabilisieren, zu festigen und auszubauen. Es braucht eine multipolare Welt, in der die Rolle und der Einfluss der Schwellenländer ernst genommen werden können. Deutschland lehnt eine Blockkonfrontation ab, für die Politiker die Verantwortung trügen.

Mit anderen Worten: In China hat man Scholz alles wiederholen hören, was man auch von Frau Merkel zu hören erwartet hätte, und was er darüber hinaus gesagt haben könnte, hat man nicht gehört.

Heißt das, Xi Jinping stehe unverbrüchlich hinter Putin?

Natürlich nicht.

Der chinesische Präsident hat Putin bereits am 8. März eine gelbrote Karte gezeigt:

Chinese President Xi Jinping urged joint support for the peace talks between Russia and Ukraine, and stressed the need to encourage the two sides to keep the momentum of negotiations, overcome difficulties, keep the talks going and bring about peaceful outcomes“ (Xinhua)

Beim folgenden Treffen in Astrachan konnte sich Putin darauf berufen, daß NATO und USA seinen Ukrainekrieg zum Proxykrieg gegen Russland ausgeweitet haben, aber das hat ihm bei seinem Gegenüber sicherlich kein Verständnis für die Annexionspolitik eingetragen, ganz im Gegenteil, weil diese Strategie den Proxykrieg angenommen und eskaliert hat, statt ihm auf einem Feld auszuweichen, auf dem das möglich gewesen ist. Innenpolitische Kalküle und echte oder vermeintliche Zwänge läßt Xi bei seinen Gegenübern nur in Fällen gelten, da keine essentiellen Chinesischen Interessen berührt sind, wie man oben im Falle Olaf Scholz sieht. Es gibt keinen Grund für die Annahme, daß die chinesische Regierun das gegenüber Moskau anders hält.

Ganz im Gegenteil, wenn man ein Silk Road Briefing vom 12. Juli zum Maßstab nimmt:

The Soviet Union, in its time, and now China today have changed this world, and it is probably forever. This is why Xi Jinping, Vladimir Putin and many other Chinese and Russian leaders are constantly suggesting the world is moving to a multipolar platform and that the process cannot be reversed.

The USA is currently, under Biden, trying to reverse these successes and bring back Western domination – USA hegemony – to the globe.

Today, the world is at the point of a US push back which may last 10-20 years. However, this will ultimately fail as it is inadequately intellectually prepared, and inadequately tactically or strategically thought through, although some elements, such as getting Ukraine to fight Russia are very clever in terms of distracting Moscow. But ultimately, this does not get Washington very far.

While the US – and G7 push back will delay some aspects of global reorganization and the march to a multipolar world, the BRI may reduce its scope (which always results in Western media glee), however even over the next two decades, China and Russia will be ready to return …

The BRI then is a global rebuild much deeper than anyone realizes. At its core is the drive to a multipolar world. The truth of this is already evident – of 193 countries in the world, 146 have signed BRI agreements.

This largely means that many Western think tanks and intelligence organizations have missed the end game: The BRI is a geopolitical rebirthing of the world into a global form. Nations globally will play certain key roles, but the world is being transformed into a deep plan of production of resources, manufacturing, and service industries.

Das ist nichts Geringeres, als ein Weltordnungsprogramm, das Putins schwungvolle Reden auf dem Waldai – Forum über die Vision einer „multipolaren Welt“ Lügen strafte, wenn er seinen Standpunkt für einen chinesischen ausgäbe. Was er nicht tut.

Nehmen wir obige Stellungnahme für chinesische Regierungslinie – was offiziell nicht der Fall ist! – dann müßten wir sagen, die Hälfte des russischen Ukrainekrieges sei gegen China gerichtet, nämlich Teil einer russischen Selbstbehauptung, Behauptung einer „russischen Welt“, gegen China in und mit Hilfe einer „Europäischen Welt“.
Vor diesem hypothetischen Hintergrund enthielten Xi Jinpings Aufträge an Olaf Scholz, und vermittels seiner an die Europäische Union, die Aufforderung, Moskaus chinesische Drangsalen und Bedürfnissen Rechnung zu tragen, so gut sie vermögen, um die lästige Komplikation des Russlandkrieges der NATO so rasch wie möglich los zu werden, Komplikation auf dem Weg zu globaler Staatssklaverei – nicht etwa unter chinesischer Führung und zu chinesischen Diensten, sondern zu Chinas unvermeidlichem Nutzen.


Leserin Sabine Schulz hat mich auf Overton auf ein Grundsatzpapier hingewiesen:

Fakt ist, dass China Russland schon 1997 Zusammenarbeit zur Entwicklung einer multipolaren Weltordnung gegen die US-Hegemonie anbot:
CHINA-RUSSIA: JOINT DECLARATION ON A MULTIPOLAR WORLD AND THE ESTABLISHMENT OF A NEW INTERNATIONAL ORDER
https://www.jstor.org/stable/20698707

Vielen Dank für den Link. Ich wußte, daß es das Papier gibt, hatte aber fortgesetzt vertagt, es zur Kenntnis zu nehmen.

Ein Grund dafür hat allerdings aktuell mehr denn je Bestand, und den möchte ich kurz hinsagen.
Es ist den Titeln der Präambel und des Schlußkapitels bereits unzweideutig zu entnehmen, was der allgemeine Inhalt ist:
– „To develop a partnership (?) for the purpose (!) of strategic interaction in (!) the 21st -century“
– „Calling upon other countries to engage in a dialoge on the establishment of a new international order“

1) Es ist eine bilaterale Gewaltverzichtserklärung.
Auf die Basis des militärischen Gewichtes, das ein strategischer Gewaltverzicht zwischen den nuklearen Großmächten Russland und China hat, wird
2) Eine Einladung an die Staatenwelt formuliert, sich dem Projekt eines gemeinsamen chinesisch-russischen Weltordnungsprogramm anzuschließen, das eines Anschlusses weiterer bedeutender Staaten bedürfe, um eine Wirkung auf der internationalen Bühne zu entfalten. Deshalb heißt das Ziel nicht “ new world order“ (die Variante die Bush sen. zwecks politischer Einbettung des bestialischen Gewaltüberschusses des 2. Golfkrieges 1991 ausgerufen hat) sondern „new international order“. Was:
3) nichts anderes heißt, als daß Russland und China sich da vornehmen, ihr militärisches Droh- und Aufbaupotential gemeinsam neben ihr wachsendes jeweiliges ökonomisches Gewicht in die Waagschale zu werfen, die Illusion einer friedlichen Ablösung der imperialen Weltordnung des 20st Jahrhunderts vermittels Aufbau einer Neuen praktisch ins Werk zu setzen.

Die letzte Hervorhebung ist mir besonders wichtig.
Es ist, allgemein und prinzipiell gesprochen, nicht notwendig, daß die Abdankung des sogenannten „Amerikanischen Imperiums“ (spielt hier keine Rolle, das dies auch eine handfest gemachte Illusion ist!) in Gestalt einer globalen Katastrophe statt hat. Zum Beispiel kann die Amerikanische Föderation zerlegen, worauf die militärisch unbedeutenderen Metropolen sich unweigerlich zusammen tun müßten, die unvermeidlich ausbrechenden militärischen Turfkämpfe in der Peripherie mit geringst möglichem Militäreinsatz zu deckeln. Oder „man“ wird einfach des Blutvergießens müde, die Krieger gehen „nach Hause“ und überlassen den Technokraten der Herrschaft das Feld, das ist die Davos-Vision, und sie entspricht, ganz grob gesprochen, der Phase 2 des Zusammenbruchs des römischen Imperiums.

Aber dies „vermittels Aufbau einer Neuen (Weltordnung)“ – soweit man mein Urteil teilt – etabliert einen antagonistischen Widerspruch in dem Projekt, der einer militärischen Auflösung zwingend bedarf. Chinas Festhalten an der „Taiwan-Frage“, und die Art und Weise, wie das geschieht und vertreten wird, läßt daran keinen Zweifel, und das ist der Zweck der Taiwan-Politik.
Nehmt das als argumentativen Zusatz für mein im Blogeintrag etwas unsauber vertretenes Urteil, der russische Imperiumskrieg in der Ukraine sei zur Hälfte gegen China gerichtet, sei Teil der Selbstbehauptung der russischen Föderationsregierung gegenüber China.

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6 Antworten zu Kommuniqué des Chinesischen Außenministers zum Deutsch-Chinesischen Gipfel – update

  1. tgarner9 schreibt:

    https://www.jungewelt.de/artikel/438292.glokalisierung-stich-ins-managerherz.html
    Jörg Kronauer zu der wirtschaftspolitischen Abteilung, die ich nicht separat zum Thema machen wollte (und nicht so gut hätte behandeln können, wie Kronauer)

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  2. tgarner9 schreibt:

    Für Leute, die das Thema vertiefen wollen, ein verschriftlichter Podcast von Renate Dillmann:
    https://overton-magazin.de/krass-konkret//wirtschafts-und-militaermacht-china/

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  3. tgarner9 schreibt:

    Ergänzender Wortwechsel:

    „Noname“ sagt:
    Was Du als gelbrote Karte der Chinesen für Putin interpretierst, sieht auf der Rückseite eher wie eine Wiederholung der russischen Forderungen und Positionen VOR Beginn der „Sonderoperation“ aus, oder?
    Und „strategischer Gewaltverzicht“ zwischen China und Russland bedeutet ja nichts anderes, als daß man sich Rücken an Rücken aufstellen kann und sich den eigenen Problemen widmet, wobei man eben dem anderen den Rücken freihält. Die Chinesen werden doch die Ähnlichkeiten der strategischen Konzepte des Wertewestens bezüglich Taiwan und Ukraine (Aufbau einer direkten existentiellen militärischen Drohung direkt vor der Haustür des Gegners) kaum übersehen haben. Der ganze riesige militärisch Aufmarsch anläßlich des Pelosi-Besuches auf Taiwan war doch nichts weiter als ein nett gemeinter Denkanstoß an die taiwanesische Bevölkerung: „Guckt euch gut an, wie es der Ukraine ergeht, und überlegt euch genau, ob ihr die selben Fehler machen wollt!“

    Deine Beschreibung der Partnerschaft zwischen China und Russland mit einem „antagonistischen Widerspruch in dem Projekt, der einer militärischen Auflösung zwingend bedarf“ ist allerdings SO auch nur gültig und denkbar, wenn man in den Kategorien und im Wertesystem imperialistisch-kolonialistischer Politik verbleibt. Ob das auf China (und Russland) anwendbar ist, wage ich zu bezweifeln, das müsstest Du hart belegen.

    TG sagt:
    „Was Du als gelbrote Karte der Chinesen für Putin interpretierst, sieht auf der Rückseite eher wie eine Wiederholung der russischen Forderungen und Positionen VOR Beginn der „Sonderoperation“ aus, oder?“

    Danke für den Einwand, der mich auf ein Versäumnis aufmerksam macht.
    Erstmal: „Ja, genau!“ So geht halt Diplomatensprech, jedenfalls gemäß der Tradition, an der man in China festhält. Man sagt nicht auf amerikanisch „Geht garnich‘!“, sondern säuselt: „Geht das WIRKLICH so?“ Dafür ist natürlich das Datum entscheidend: Am 8. März standen die russischen Truppen noch vor Kiev, sie zogen sich erst nachher zurück, etwa bis zur ersten Aprilwoche.

    „Und „strategischer Gewaltverzicht“ zwischen China und Russland bedeutet ja nichts anderes, als daß man sich Rücken an Rücken aufstellen kann und sich den eigenen Problemen widmet, wobei man eben dem anderen den Rücken freihält.“

    Nee, Noname, das stellt die Sache auf den Kopf, indem Du in das Projekt Dein Vorurteil einsetzt, es handele sich „in Wahrheit“ um ein Bündnis „gegen Amerika“. Daß es genau dies nicht sein soll sagt die Präambel, und deshalb habe ich sie mit kommentierenden Satzzeichen versehen. Das gilt bis heute, denn China wie Russland haben vor der diplomatischen Offensive Russlands gegen NATO und USA 2021 einvernehmlich betont, kein (militär-)strategisches Bündnis eingegangen zu sein (Ort und Datum rauszupfriemeln kostet mich zuviel Zeit). Liefert China Waffen? Nein, tut es nicht. Haben China und Russland denselben oder auch nur einen gleichen Gegensatz zum Imperium? Nein, haben sie nicht. China ist komplett in den Weltmarkt eingebettet, mit Ausnahme der Bereiche, die es ihm mit souveränen Kalkülen entzieht. Russland blieb vom Weltmarkt weitgehend ausgeschlossen, mit Ausnahme der Abteilung Bergbau und agrarische Rohprodukte (der Domäne von Drittweltstaaten) und Rüstungsgüter für „Minderbemittelte“. Und die russisch-chinesische Konkurrenz um die Nutzung nicht nur Zentralasiens und des vorderen Orients, sondern des fernöstlichen russischen Territoriums selbst wäre ohne Gewaltverzicht eines der kriegsträchtigsten geopolitischen Momente auf dem Globus.

    “ … ist allerdings SO auch nur gültig und denkbar, wenn man in den Kategorien und im Wertesystem imperialistisch-kolonialistischer Politik verbleibt.“

    Es sind Kriterien und Kategorien der Warenproduktion auf einem vollendeten Weltmarkt, genannt „Imperialismus“. Dazu verweise ich Dich auf die ausführliche Erklärung von Renate Dillmann, die auch auf Einwände eingeht, zu denen der Deinige zählt (Link siehe oben)

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    • Uwe F. schreibt:

      Zu: „China ist komplett in den Weltmarkt eingebettet, mit Ausnahme der Bereiche, die es ihm mit souveränen Kalkülen entzieht. Russland blieb vom Weltmarkt weitgehend ausgeschlossen, mit Ausnahme der Abteilung Bergbau und agrarische Rohprodukte …“

      Ja, das ist so, allerdings unterliegt der chinesiscche Zugang zum Weltmarkt durchaus noch dem kontrollierenden Draufblick durch die noch amtierende Weltmacht Nr 1. Erstarkende chinesische Unternehmen stoßen immer wieder auf US-Vorbehalte, schon unter Trump musste das Huawei erfahren, jetzt zeichnen sich sogar erweiterte Sanktionen gegen Hightech-Produkte ab. Vielleicht folgen bald E-Autos oder man erhöht die Investitionshürden. Will sagen: Auch der Weltmarkt ist eine Sphäre, die letztendlich auf Reichtumsvemehrung in US-Dollar zugeschnitten ist und auch nur so genutzt werden darf. Ein Widerspruch tut sich auf, wenn via Weltmarkt nationale Akkumulation vorankommen soll, also chinesisches Kapital mehr und mehr Vorteile aus diesem US-geregeltem und beaufsichtigten Markt zieht. Das ist bei Russland in der Tat nicht der Fall. Doch auch dort wurde das Öl- und Gasgeschäft unter ständigem Abgleich mit den Abnehmerländer EU/USA/Weltmarkt (historisch) aufgebaut, sprich Dienstbarkeit für den Zugang zum Weltmarkt eingefordert (und bis vor kurzem auch erhalten). Die Aufkündigung kam postwendend, als Russland aus politischen Gründen sich gegen die Einkreisung und Herabstufung zur Regionalmacht begann zu wehren. Es gibt folglich Interessenüberschneidungen zwischen China und der RF, die im Kern aus der Opposition gegen US-Hegemonie herrühren, auch wenn der kapitalistische Weg Chinas am Weltmarkt nichts auszusetzen hat außer daran nur unter Auflagen teilnehmen zu dürfen. Ähnlich bei Russland: Das Pipeline-Geschäft lief jahrelang relativ reibungslos von ständig aufflammenden Konflikten im Südkaukasus oder den zahlungsunfähigen Ukrainern. Erst jetzt kam mit dem Ukraine-Krieg die Kündigung durch EU/USA (die nebenbei gleich mal Pipeline-Infrastruktur lahmlegten).

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      • tgarner9 schreibt:

        Grüß Dich Uwe!

        Will sagen: Auch der Weltmarkt ist eine Sphäre, die letztendlich auf Reichtumsvemehrung in US-Dollar zugeschnitten ist und auch nur so genutzt werden darf.

        Das ist ein mächtig aufklärungsbedürftiger Satz, nicht wahr, zumal Angelpunkt Deines Postings.
        Gegenstand meines Satzes, den Du zitiert hast, war ein Vergleich zwischen den Gegensätzen, die China und Russland jeweils zum „Imperium“ hätten, wobei „Imperium“ die Stelle der zumeist „Westen“ geheißenen Allianz von Staaten einnimmt, die sich beiden gegenüber fortlaufend als Aufsichtsmacht gebärdet, zumindest wenn man nach einem etwas mühsam aufrecht erhaltenen Anschein urteilt. Deshalb bezog sich das Kriterium, das ich für den Vergleich in Anspruch genommen habe, „Einbettung in den Weltmarkt“, auf die Reproduktion der russischen und chinesischen Ökonomien und Staatswesen, bzw. genauer: Deren Reproduktionsbedingungen auf und vermittels des Weltmarktes.
        Wenn Du diese Argumentation anerkennst – was Du global getan hast – dann ist die Behauptung

        … auf Reichtumsvemehrung in US-Dollar zugeschnitten ist und auch nur so genutzt werden darf.

        einfach mal falsch, oder?
        Und wir beide brauchen uns an der Stelle vielleicht überhaupt nicht zu fetzen, denn ich hatte in meinem Blogeintrag eigens das „Silk Road Briefing“ zitiert und verlinkt, um darauf hinzuweisen, daß sich Sachwalter des chinesischen Weltordnungsprogrammes – in Abgrenzung zu den russischen Selbstbehauptungsstrategen – genau auf dies einfach Falsche eines prominenten Anspruches von Verteidigern der Dollar-Ökonomie berufen, indem sie sagen (paraphrasiert): „Joah, die Dollar-Ökonomie hat ein paar Eigenarten, stellt ein paar Bedingungen, die von interessierter Seite auszunutzen sind, die UNSERER Auffassung von „Weltmarkt“ und Nutzung desselben Hindernisse in den Weg legen, und deshalb wird „unsere Sache“ noch ein paar Jährchen Zeit brauchen, so zwischen 12 und 20.

        Russland, Putin, der Kreml indes fanden sich bemüßtigt, jetzt zu handeln, und zwar erklärtermaßen mit Blick auf eine Entscheidungsschlacht, die Russland in der Ukraine beginne, obgleich sie auf diesem Schlachtfeld nicht zu einer Entscheidung zu bringen sei.
        Ich weiß, damit bin ich Deinen Einwänden ein Stück weit ausgewichen. Das habe ich getan, um die Sache von der Abstraktionsebene ‚runterzubringen, die Du gewählt hast. Es ist vielleicht deutlich geworden, daß diese so gut wie ausschließlich aus Machttiteln besteht, die politisch von den Beteiligten auf den Weltmarkt gezogen werden, und umso mehr sich die Akteure aus verschiedenen Gründen untereinander auf solche Titel beziehen und berufen, umso klarer wird, daß sie ausschließlich von Krieg reden. Wenn man sich als Beobachter dann überwiegend oder gar ausschließlich mit diesen Titeln befaßt, reproduziert man die kriegerischen Verhältnisse nur theoretisch, anstatt daß man etwas über die sie treibenden Momente heraus findet oder sagt.

        Das Motiv für ein solches Treiben ist ja offenkundig: Es ist einfach das Beharren darauf, daß es um „Krieg“ in einem übergreifenden Sinne geht, statt um all die Titel und erfundenen Subjekte, die von den Kriegsparteien ins Feld geführt werden, aber das ist ein eitles Unterfangen. Das braucht man niemandem zu sagen! (Außer vielleicht Bebé Baerbock) Das Publikum folgt dem Gebrauch, den die Herrschenden davon machen, nicht aus Überzeugung (und wenn, dann sind sie keine Adressaten), sondern der Macht und kinetischen Energie halber, die für sie mobilisiert werden. Akklamation für theoretische und / oder ideologische Einsprüche gegen den Anschein der Geltung herrschender Ideologien / Ideologeme ist daher billig zu haben. Mit den messerscharfen Worten eines alten Genossen:

        Wer sich in der theoretischen Auseinandersetzung akkomodiert, sie den Techniken der Volksbetörung unterwirft und die kritische Schärfe einer erreichbaren Zustimmung opfert, der macht Fehler. Seine Theorie, mit der er dem für falsch erachteten Bewußtsein zu Leibe rücken will, stimmt nicht. Und der Anklang, den er findet ist zwar sein Erfolg, aber der einer anderen Sache. Er hat das Lager gewechselt.

        Dies Messer ist vorsichtig und zweckmäßig zu handhaben, gewiss.

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  4. tgarner9 schreibt:

    Wenn ein Smart-Arse seinen politischen Freunden in den Rücken fällt …

    „China kann Russland nicht fallen lassen“, sagt Experte Klaus Mühlhahn in einem Interview, das T.-Online veröffentlicht hat. Wie im Falle Nordkoreas fürchte man in Peking das Chaos, das im Falle einer vernichtenden Niederlage des Kreml zu gewärtigen sei.
    Mühlhahn wollte seine Freunde in der Verteufelung des Oberteufels noch übertreffen:

    „In gewisser Weise hat Putin China sogar in der Hand – was viele Beobachter aber zu wenig beachten … Wenn das Regime von Kim Jong Un fallen sollte, könnte das Chaos folgen. Das Gleiche gilt für Russland, nur noch in einem viel größeren Ausmaß: Putin kennt Chinas größte Angst ganz genau, Xi Jinping ist im Grunde ziemlich erpressbar.“

    Putin erpresst Xi Jinping … mit seinem persönlichen Untergang. Auf diese Idee kann nur ein Professor kommen, der zu viele schlechte Mafia-Krimis gesehen hat. Aber er verrät damit unwillkürlich eine Wahrheit über den NATO-Angriff auf Russland.

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