Geschichtsteleologie am Beispiel Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermanns Serie zum Zionismus (vgl. die Links unterhalb des Artikels) könnte fruchtbar zu machen sein.

Dazu muss allerdings das theoretische Fundament der Darstellung beigezogen werden, das Zuckermann in „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ kurz vorgestellt hatte:

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen darf für die Grundmatrix der conditio humana erachtet werden. Als denkendes, mithin erinnerndes, aber auch planendes Wesen lebt der Mensch stets im Vergangenen, wie er denn auch aufs Zukünftige ausgerichtet ist. Die sogenannte Gegenwart erlebt er immer als ein unauflösbares Spannungsverhältnis zwischen dem Angetriebensein durchs bereits Erfahrene und der Angezogenheit vom Bevorstehenden. Hoffnung oder Angst vor dem künftig Anstehenden sind nicht minder Teil seines Gegenwärtigen als die (wie immer konnotierten) Auswirkungen von bereits Erlebtem. Er lebt zwischen dem, was er nicht mehr ist, und dem, was er noch nicht zu sein vermag.

Dieses Grundverhältnis herrscht nicht nur im einzelmenschlichen Dasein, sondern es kennzeichnet auch menschliche Kollektive. Die Geschichte eines Gemeinwesens bestimmt nicht nur seine materielle Wirklichkeit in der Gegenwart, sondern formt auch die Grundkoordinaten seiner Ausrichtung: Seine sogenannte Identität erweist sich zumeist als eine Melange aus real Erfahrenem, mythisch beseelten Sinnwelten und ideologisch geformten, zum hegemonialen Konsens gerinnenden Glaubenssätzen und Doktrinen.

Bei aller abstrakt-allgemeinen Undeutlichkeit, die man der Kürze zuschreiben mag, ist da unzweideutig eine Geschichtsteleologie vorgestellt, auch wenn sie gleichsam „existentialistisch verschmutzt“ daher kommt. Pikant ist sie, weil sie ihre Anlehnung an eine revisionistische Marx-Ausdeutung eher erkennbar machen, als verleugnen will. Ein Zitat aus der „Deutschen Ideologie“ mag das verdeutlichen:

Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen Jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produkionskräfte exploitiert, daher also einerseits unter ganz veränderten Umständen die überkommene Tätigkeit fortsetzt und andrerseits mit einer ganz veränderten Tätigkeit die alten Umstände modifiziert …

Der Zusammenhang dieses Satzes in der Schrift stellt vollkommen klar, daß Marx die geistigen Potenzen der gesellschaftlichen Produktions- und v.a. Reproduktionsprozesse sehr wohl in seine Aufzählung einschließt, obwohl er gegen die Zeitgenossen die „materielle Seite“ betonen wollte. Mit dieser Erinnerung setze ich das Zitat fort:

… was sich nun spekulativ so verdrehen läßt, daß die spätere Geschichte zum Zweck der früheren gemacht wird, .. (Beispiel) .. wodurch dann die Geschichte ihre aparten Zwecke erhält … während das, was man mit den Worten „Bestimmung“, „Zweck“, „Keim“, „Idee“ der früheren Geschichte bezeichnet, weiter nichts ist als eine Abstraktion [von] der späteren Geschichte.

Moshe Zuckermann kennt diese Kritik der Geschichtsteleologie vom jungen Marx, die schlagend einfach und korrekt auf deren eigene Voraussetzungen gegründet ist, und er teilt sie auch, wage ich zu unterstellen. Denn er gründet seine ostentativ angedeutete Distanzierung von dieser Kritik auf das ebenso einfach Unzureichende der These des jungen Marx:
Wenn die Nachfahren gehindert werden, das Erbe ihrer Väter (und Mütter) auszuschlagen, wenn ihnen – auf welche Weise sei vorerst dahin gestellt – verwehrt bleibt, die dem Inventar des Überlieferten einbeschriebenen Reproduktionszwecke zurück zu weisen und sie – auf der Grundlage veränderter, oder auch nicht (wesentlich) veränderter Umstände – zu modifizieren und ggf auch zu eliminieren, dann, ja dann hat die Geschichtsteleologie eine Realität und Wahrheit im hypostasierten Willen der Ahnen – sei er materiell oder ideell hypostasiert.

Mit Voraussetzungen und Bedingungen des zionistischen Judentums in Vergangenheit und Gegenwart, die für es bindend waren und blieben, ist Moshe Zuckermann bestens vertraut. Das war, beim Allgemeinen zu beginnen, zunächst der imperiale Kolonialismus und, in dessen Nachfolge, der amerikanisch dominierte Imperialismus nach WK2.

Dies hat – noch auf der allgemeinen Ebene verbleibend – dem zionistischen Judentum genau einen Entfaltungsweg vorgeschrieben: Bewaffneten, genozidal kriegerischen Siedlerkolonialismus.

Die siedlerkolonialistischen Landnahmen in den Americas, in Afrika, in Australien und anderen Teilen Ozeaniens waren kein Vorbild für die Juden, dazu kamen sie geschichtlich zu spät. Der paradoxe Versuch einer Anlehnung an den – projektierten und vereitelten – „nachholenden“ nationalsozialistischen Siedlerkolonialismus ging daneben. Erst der imperial auf den Globus teils zielende, teils schon erstreckte amerikanische Siedlerkolonialismus wurde zur haltbaren Grundlage des jüdischen Siedlerkolonialismus, dessen Phänomenologie über weite Strecken wie eine wiederholende Farce des der amerikanischen Föderation blutig eingemeindeten Kolonialismus der europäischen Pietisten, Freidenker, entwurzelten Bauern, Lumpen und Kriminellen ausschaut. (Der leidenschaftliche Hobby-Farmer Ariel Scharon nannte Netanyahu und seinen Knastkumpel Olmert Gauner und Schurken)
Was ist „Erez Israel“ gegen „American Exceptionalism“? Genau, ein geschichtlicher Witz auf essentiell verlorenem Posten, nur mit alltäglichem, rituellen Kinder- und Frauenschlachten iwie in der Geschichte zu konservieren.
Nein, ich vergesse die nukleare Bewaffnung nicht, mit der diese Schlachterei unterfüttert ist, auch und gerade gegen das Heimatland, dessen 51. Staat Israel de facto ist, unterfüttert.

Aber dies Wissen steckt halt bei Moshe Zuckermann, wie bei (fast) allen Zionisten, in einer sanctuarisch verschlossenen Kassette seines Hirnkastens, auf die er genau zu einem Behufe zugreift: Um „humanistische“, sprich „judenfreundliche“ Deutungen der Geschichte wie der Aktualität der Selbstbehauptung des Judenstaates zu ersinnen.

Bei anderen Zionisten hake ich das einfach ab, ist mir nicht der Rede wert. Aber bei Moshe …
Das Irrsinnige daran fasst sich aus meiner Sicht darin zusammen, daß er von hinten durch die Brust ins Auge das Dogma der schauerlichsten zionistischen Schlächtergesellen teilt, das er vorneweg entrüstet ablehnt: Ein Jude sei mehr wert, als 1000 Araber, auch wenn es nicht immer tunlich sei, für einen toten Juden mehr als 100 Araber zu schlachten.
Wieso?
Ganz einfach: Weil unter den jungen Arabern der Nach-Intifada Generation, die inzwischen auch schon bis zu 45 Jahre zählen, zahlreiche Leute sind, die durchaus Einfluß haben und noch viel mehr gewinnen können, die nichts weiter wollen, als daß die Väter und Mütter und ihre loyalen Söhne und Töchter auf beiden Seiten endlich abdanken. Die – stellt euch das nur vor! – gerne verzeihen und verzeihen können /dürfen möchten. Die, gemeinsam mit jüdischen Gesinnungsgenossen, die Schauergeschichte komplett auf den Müllhaufen kehren und nichts behalten wollen, als was für ein gemeinsames Leben produktiv zu machen geht.
Ja, solche Abdankung geht nur blutig vonstatten, darüber müßten voraussichtlich auch etliche Tausend Juden ins Gras beißen. Und? So geht Geschichte halt! Weg mit Schaden, genauso, wie die zigtausenden Opfer, die der israelische (hier ist vom „jüdischen“ zu scheiden) Siedlerkolonialismus bislang unter den Arabern hinterlassen hat: Weg mit Schaden! Macht endlich die Geschichte tot, statt zum ge- und vernutzten Schicksal, legt eure Ahnen abschließend zur Ruhe, wie das noch jeder verständige Stammesmensch in der Geschichte des „sapiens“ getan hat.

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