Zentralasien im Russlandkrieg

Frank Stier hat einen Artikel unter dem Titel verfasst, „Wie Zentralasien zum Drehkreuz zwischen Asien und Europa wird„. Viel mehr, als den anspruchsvolle Titelbehauptung, gibt das nicht her. Stier zitiert ein paar Wünsche und Pläne des usbekischen EU-Botschafters und referiert unzitiert Urteile einer „Global Governance“ – Notiz, die Ulrike Schmitz für SWP abgefaßt hat, um Lobbyisten aller Art auf „Chancen und Risiken“ politischen und wirtschaftlichen Zentralasien-Engagements aufmerken zu lassen.

Die Ausnahme ist diese Mitteilung:

Mitte Dezember 2022 hat Usbekistan erstmals einen mit Kupferkonzentrat beladenen Zug von der usbekischen Hauptstadt Taschkent auf die viertausend Kilometer lange Reise über Turkmenistan, Aserbaidschan, Georgien nach Bulgarien geschickt.

Erstmals! Gleichwohl entblödet sich Stier nicht, so zu tun, als sei diese Umgehung Russlands UND Kasachstans ein etablierter Handelsweg:

Die transkaspische internationale Transportroute (TITR), auch Mittlerer Korridor genannt, gilt als natürliche Alternative für den Russland passierenden Nordkorridor, der bisher zumeist für den Güterverkehr zwischen China und Europa genutzt wurde.

… und dabei zu insinuieren, es handele sich um ein Konkurrenzprojekt zur BRI. Das ist es natürlich nicht – kann es nicht sein, angesichts der Volumina, um die es zu gehen hat, damit der Ausbau der Trasse sich lohnt, und angesichts der mittelbaren Rolle des Iran in diesem Themenkreis.

Gleichwohl werden die beteiligten Staatswesen UND weitere Interessenten, an vorderster Stelle die Türkei, und in ihrem Gefolge die NATO, CIA, MI6 und natürlich das DoS der USA, die Gelegenheit nutzen wollen, größeren Einfluß auf die chinesisch dominierten Handelswege in Zentralasien zu gewinnen, und das ist – abermals – ein kriegsträchtiges Ansinnen. Es ist hanebüchen, wie Stier das Thema aufnimmt, ohne ein Wort über die kürzlich angezettelten NATO-türkischen Waffengänge / robusten Unruhen in Armenien, Usbekistan und Kirgisistan zu verlieren und somit wenigstens auf diese Weise auf die Grauzone des Konfliktes zwischen imperialem Russlandkrieg und imperialem China-Containment andererseits hinzuweisen, die ein Fokus des angelsächsischen Krieges gegen die „deutsch dominierte EU“ gewesen ist … und bleibt! Letzteres ist die unausgesprochene Botschaft von Ulrike Schmitz, wie man zwischen den Zeilen am Kontrast zwischen ihren verhaltenen Formulierungen und dem Enthusiasmus des usbekischen EU-Botschafters erkennen könnte.

Egal, ich werde mich in das Thema heute nicht tiefer reinknien, als ich das vor ziemlich genau einem Jahr getan habe, in der Notiz Worum es der Russischen Föderation geopolitisch zu tun sein muß:

Die Beziehungen zwischen der RF und Kasachstan sind wesentlich bestimmt durch die Schlüsselrolle, die beide Länder im Ost-West-Verkehr der Region spielen, weil Turkmenistan sich seit seiner Unabhängigkeit vom Westen isoliert hatte. Der weitaus größte Teil der Exporteinnahmen des turkmenischen Staates stammt seit 2010 aus dem Gasexport nach China, der über die kasachisch-chinesische Pipeline verläuft.
Jetzt soll endlich die seit langer Zeit anvisierte transkaspische Pipeline nach Azerbaidschan fertig gestellt werden, parrallel hat Turkmenistan ein Abkommen mit Azerbaidschan zur gemeinsamen Ausbeutung eines bedeutenden Ölfeldes im Kaspischen Meer geschlossen. Bislang wurde ein großer Teil des in Turkmenistan geförderten Öls in eigenen Raffinerien für den regionalen Export verarbeitet, jetzt ist eine Ausweitung des Ölexports nach Westen zu erwarten.

Geopolitisch findet mit der intensivierten Einbindung Turkmenistan eine deutliche Verkehrs- und Kräfteverschiebung innerhalb der SCO und dem Verband kaspischer Anrainerstaaten statt, weg von der RF, hin zur Türkei, Georgien und von Georgien via Ukraine Richtung Westen, namentlich über Polen in die baltischen und skandinavischen Länder. Kasachstans geopolitischer „Orbit“ verschiebt sich nach Osten, Richtung China, UND Westen, Richtung NATO-Territorium. Im Maße, wie diese Bewegung Kraft und Geschwindigkeit bekommt, wird die Bedeutung der RF für China gemindert und damit auch das Interesse an Kooperationsfeldern, die über russischen Rohstoff- und Rüstungsexport hinaus gehen.
Das weitaus „Gefährlichste“ für Moskau und den Kreml an dieser Entwicklung ist die in der gleichen Bewegung geminderte Bedeutung der Föderationsregierung für die Mitgliedstaaten und Nachbarn, darunter auch Weißrussland.

Die Territorien Georgiens und der Ukraine, die in der aktuellen Auseinandersetzung mit der NATO und dem zerfallenden US-Imperium eine Schlüsselrolle spielen, sind aus russischer Sicht weniger für das Verhältnis zur EU von Belang, als für das Verhältnis der EEU zu Zentralasien, China, Iran, Pakistan und Indien.

Anlaß dieser Bemerkungen war ein Artikel von Matthew Ehret über hochfliegende Projekte der Einbindung des Iran in zentralasiantische / BRI – Verkehrslinien, der nach wie vor einen Einstieg in das Gesamtthema bieten könnte.

Ein Jahr später kommen die Tunkeltapse aus den Löchern gekrochen – Stier ist ja nur einer von vielen – Russlands zentralasiatische und chinesische Drangsale und Nöte, die maßgeblich zur russischen Entscheidung zum Waffengang in der Ukraine beigetragen haben dürften, als Resultat desselben hinzustellen. Nichtmal Stiers Rohmaterial gibt irgendwas davon her. Leckt mich alle.

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3 Antworten zu Zentralasien im Russlandkrieg

  1. Uwe F. schreibt:

    „Nichtmal Stiers Rohmaterial gibt irgendwas davon her. “ Ich bin mal ins Archiv gestiegen und finde im Jahr 2000 interessante Hinweise auf die Lage in den zentralasiatischen postsowjetischen Staaten, die Öl- und Gasvorkommen in der Gegend, die Zugriffsinteressen der USA/Nato und EU auf die örtlichen Rohstoffquellen, das Kontrollinteresse der National Security Agency und ganz allgemein die aufblühenden Geschäftsinteressen des freien Westens an diesen Staaten. Wohlgemerkt wir reden über das Jahr 2000. Und siehe da: Die Pläne zur lukrativen Exploitation der Ressourcen liegen sowohl von US-Seite (Baku-Ceyhan-Pipline) als auch unter konkurrierender EU-Regie (Tracea-Programm) vor inklusive Ausschaltung Russlands und des Iran. Belege dafür, dass schon damals der „Kampf um Einfluss und Dienstbarkeit“ der ansässigen Staaten zugange war, das Kappen der traditionellen russischen Beziehungen als Bedingung fürs große Energiegeschäft auf dem Weltmarkt verlangt wurde und überhaupt ordnungspolitisch dort vieles im Argen liegt, also Eingriffsbedarf seitens einer ordnenden Macht für diesen transkontinentalen Transportkorridor vorliegt, gibt es zuhauf. Wie du schreibst: der Stier-Artikel berührt das überhaupt nicht. Auch dass bereits in jenen Jahren das Tracea-Projekt als europäisches Konkurrenzprojekt aufgezogen wurde – Fehlanzeige.

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    • tgarner9 schreibt:

      Hallo Uwe,
      war mir entgangen, daß Tracea eine so lange Geschichte hat.

      In den letzten 48 Std ist Macron 120 % auf NATO-Linie eingeschwenkt (Kampf bis zum Sieg) und Stoltenberg stellt sich in großer Öffentlichkeit hin, von Deutschland noch einmal um ein sattes Viertel höhere Militärausgaben ziemlich ultimativ zu fordern – woher wohl der angenommene oder tatsächliche Machtzuwachs?

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  2. Uwe F. schreibt:

    Tja, es steht wohl einiges auf dem Spiel … das trifft auf alle gleichermaßen zu, trifft aber nicht alle gleichermaßen. Man wird sehen.

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