Eine Null-Fortsetzung des letzten Eintrages

… den ich am End zurück ziehen werde, nicht weil ich wesentliche Kritik an ihm hätte, sondern weil Konzept und Ausführungsansatz unter die Kategorie „Bemerkungen an mich selbst“ fallen.
An die angesprochenen Vorgänge werde ich freilich anknüpfen – anders halt. Zunächst aber kommt mir ein Machwerk von Arno Kleinebeckel recht, auf einige Punkte anders einzugehen, Moskauer Machtspiele: Was bedeutet die Degradierung von „General Armageddon“?

Korrupt bis ins Mark des Hirnes

Kleinebeckel, der bislang nicht zu den routinierten Flachwichsern in der Telepolis-Redaktion zählte – er dichtet, Klappentext und Rezensenten folgend, in etwa in dem Geiste, in dem Ann Cleeves Krimis schreibt, nur unversöhnlicher – liefert einen „Putler“-Text. Ziemlich offensichtlich entspricht das einem Redaktionsauftrag, das war in den letzten Wochen schon absehbar. Es folgt zudem einer Welle in der Mainstreampresse, namentlich im gehobenen Boulevard, die es angezeigt sein läßt, dahinter unter anderem eine oder mehrere Presserichtlinien einflussreicher Quelle zu vermuten. Das wäre nur logisch. Die in einer langen politischen und belletristischen Tradition stehende, und auf die ausgerufene „Zeitenwende“ logisch folgende, Problematisierung „Russlands“ und „Russlands Rolle in Europa“, die in den erste Kriegsmonaten die deutschen Bücklinge auszeichnete, hat umständehalber die Nicklichkeit, in der Konsequenz auf ein Programm zur Vernichtung und Zerlegung Russlands nach dem Muster der Vernichtung Deutschlands im WK2 zuzulaufen – deren Revision, die BRD betreffend, ein separater Vorgang war – das a bissel riskant erscheint und jedenfalls nicht in der Macht deutscher Autoritäten steht. Die „Putler“-Propaganda, zumindest die kontinentalen Varianten, laufen auf die Gegenposition hinaus, der Kreml müsse erhalten bleiben, „nur“ seine Schaltstellen anders besetzt.
Das Motiv für Kleinebeckels korrupte Flachwichserei sollte unter diesen Umständen für „durchaus ehrenwert“ gelten, nämlich eine Einsicht des alten Mannes, alles andere, als ein Anschluß seiner Schreibe an diesen Trend – und die Redaktionsrichtlinie, versteht sich – könne allenfalls wirkungslos bleiben, das Mitmachen hingegen möglicherweise ein Beitrag zur Schadensminderung werden.

Zwischenbemerkung

Schon bei der Formulierung des letzten Satzes quälten mich Zweifel: Welche und wie viele Leser werden die Modal- und Temporalform meiner Verben beachten, ja, überhaupt imstande sein, sie zur Kenntnis zu nehmen? In der gesprochenen Rede sind sie nicht erst seit gestern außer Gebrauch gefallen, außer bei mir und wenigen anderen, aber bis vor etwa 10 Jahren hatte ich genügend feedback, das mir zeigte, sie werden wenigstens passiv zur Kenntnis genommen und ihre denotative Funktion mehr oder minder verstanden. In letzter Zeit häufte sich die Erfahrung, daß selbst ehemalige „peers“ modale Aussageformen nur noch zur Kenntnis nehmen und möglicherweise begreifen können, wenn sie umständlich mit Präpositionen und zuschüssigen Konditionalsätzen umstellt werden. Warum läuft das so? Auch dafür liefert Kleinebeckel ein Beispiel.

Wie das russische Verteidigungsministerium am Mittwoch vergangener Woche bekanntgab, hat Verteidigungsminister Sergej Schoigu den Generalstabschef der Armee, Waleri Gerassimow, zum Oberbefehlshaber der „militärischen Sonderoperation“ gegen die Ukraine ernannt. Der damit zu einem von drei stellvertretenden Befehlshabern degradierte Sergej Surowikin, bekannt als „General Armageddon“, war erst im Oktober letzten Jahres Oberbefehlshaber geworden.

Der erste und der zweite Satz dieses Einleitungsabsatzes haben keinen logischen Zusammenhang. Streicht den zweiten Satz weg, dann berichtet der erste Satz unzweideutig von einer Aufwertung des Postens des Oberkommandeurs einer „militärischen Sonderoperation“. Ja, semantisch / lexikalisch ist auch dieser Satz ein bißchen korrupt, wenn eine Person Jahrgang ’51 ihn hinschreibt, in der deutschen Hochsprache und im militärischen Jargon war einmal verbreitet, das indigene Wort „Befehlshaber“ für eine übergeordnete operative Einheit zu reservieren, das Wort „Kommandeur“ oder „Kommandierender“, für eine Teiloperation oder -streitkraft in einem solchen Ganzen. Die mit dem ersten Satz verknüpfte „Degradierung“ Surowikins ist ein non sequitur.
Schaut den Fremdwortausdruck gefälligst nach, wenn ihr ihn nicht kennt. Ich habe mit 9 Jahren begonnen, das Brockhaus-Lexikon meiner Mutter abschnittsweise auf „Worte / Begriffe / Sachverhalte von besonderem Interesse“ zu durchsuchen und zu studieren – nein, das ist keine von Jack London inspirierte Erfindung – weil das ein unverzichtbares Mittel war, der Erfüllung meines Begehrs näher zu kommen, zu begreifen, was um mich herum – in diesem 1000-Seelen Dorf, die mütterliche Schulmeisterin eingeschlossen, und darüber hinaus – vor sich ging, und damit auch zu begreifen, warum und worüber ich zeitweise so unglücklich war. Merkt ihr’s? Hier ist das „damit“ ein „sequitur“, aber unter der notwendigen Voraussetzung / Unterstellung, daß der Autor, ich, damals wie heute, innere und äußere Verfassung / Lage für zugleich identische und verschiedene Seiten ein und desselben Zusammenhangs erklärt. Merkt ihr, wozu der Ausdruck „non sequitur“ taugen kann, und einem lebhaften oder auch nur begierigen Verstand fast automatisch taugen muß? Nein?
Na gut, also erweitere ich dies Zwischenspiel.

In der Alltagssprache von Bauern und Proleten, von Leuten, die nicht ständisch ambitiös sind, werden konsekutive Satzkonstruktionen nicht auf strenge Folgerichtigkeit berechnet, es sei denn, der Zusammenhang habe einen mechanischen Charakter. Was „mechanisch“ heißt? Na, ohne Modalitäten!

Diese Bestimmung kennt und weiß jedes Kind, das gucken und laufen gelernt hat, weil „gucken und laufen lernen“ exakt heißt, die Modalen dieser Tätigkeiten gleichsam zu mechanisieren, sie zu Bestandteilen einer unbewußt kontrollierten Apparatur zu machen, einem Aggregat von Tätigkeiten, die in einer übergeordneten Tätigkeit zusammen laufen. Siehe da, zur Adressierung mechanischer und gleichsam mechanischer Zusammenhänge braucht die Alltagssprache von Bürgern, Bauern und Proleten keine semantische Folgerichtigkeit, assoziative Adressierung genügt. Heimelig, gelle?

Eine Mehrzahl von Bauern, Proleten und Bürgern empfindet den Usus assoziativer Adressierung konsekutiver Zusammenhänge und Modi auch und gerade dann „heimelig“, wenn es sich nicht um mechanische oder gleichsam mechanisch ablaufende Sachverhalte handelt. Ihre Welt ist bis in die Kuppeln der Käseglocken angefüllt mit etwas, das meine Generation seinerzeit ebenso abstrakt wie falsch „Zwänge“ benannt hat. Festgeronnene Sitten, Gebräuche, Traditionen, Maximen, Welt- und Menschenbilder, „Denkweisen“ – was immer das sein soll – welche die polizeilichen Vorschriften umstellen und ergänzen, und denen seit den ’60er Jahren, von denen ich rede, ganze Gesetzesbücher hinzu gesellt worden sind, um sie bürgerlich „einzufangen“. (Ja, „wokeness“ ist eine spezielle, weil vorausgreifende Fortsetzung davon, aber das gehört nicht hierher).
Dies gesamte, gewaltige Konvolut – verschriftet wie unverschriftet – beruht auf einem praktisch gesehen unauftrennlichen, von den Sprechern begierig unauftrennlich gemachten, „Kreis aus Kreisen“, einer stetigen, von allen Sprechern mehr oder minder unwillkürlich in sich zurück geschlossenen Kette aus „sequiturs“ und „non sequiturs„.

Das singuläre Mittel, sich in diesem Dreck verständig, soll heißen: begreifend, im Unterschied zu urteilend, auch nur zu orientieren, besteht darin, daß jemand analytisch über eine Scheidung zwischen „sequiturs“ und „non sequiturs“, die fast jedes Kind mehr oder minder gut beherrschen lernt – moralische Kritik, Dekonstruktion von Heuchelei ist eine erzwungene Domäne des pubertären Verstandes – hinaus geht, indem er die „sequiturs“ UND „non-sequiturs“ rekursiv auf ihre logischen Bestandteile und DEREN Zusammenhang untersucht.
Versteht es sich nun von selbst, daß diese Arbeit einer gesonderten Lexik und einer unzweideutigen Syntax bedarf, und darüber hinaus eine eigentümliche Semantik erschafft?

Okay, und das schließt teilweise die Arbeit des elitären Verstandes, des für Erkundungs- und Kommandoaufgaben trainierten Aspiranten auf die Stände der Funktionseliten mit ein. Die brauchen ihren eigenen Sprachdreck, einen jeweils spezifischen Jargon aus aufeinander bezogenen „sequiturs“ und „non-sequiturs“.

Fortsetzung Korruption

Das „damit“ im zweiten Satz der Einleitung ist also ein „non sequitur“. Seine Prämisse ist unschwer zu ermitteln.
Es ist in der Tat möglich, daß ein Surowikin seine Ablösung unabhängig von unbekannten Gründen, die ihm dafür mitgeteilt worden sein werden, als eine Degradierung in den Augen der Peers empfindet, solange er nicht gesondert und ausdrücklich für seine Arbeit gelobt oder gar ausgezeichnet wird, und daß auch Kollegen, Freunde und Mitstreiter diese Sicht antizipieren und dem Gesamtvorgang eingemeinden. Freilich ist ebenso leicht eine Sicht der Dinge zu antizipieren, die es verbietet, Surowikin zum Anlaß einer strategisch motivierten Ablösung gesondert zu belobigen oder unter den Stellvertretern Gerassimows auszuzeichnen. Schließlich ist die Kampagne, die er geleitet hat, gescheitert, obgleich mit Sicherheit nicht an ihm. Unter seinem Kommando blieb der Rückzug vom rechten Ufer des Dnepr, der als taktisches Risiko galt, verlustarm. Im Ergebnis wurden die Verluste der Interventionstruppe insgesamt drastisch reduziert, die Sensationsmeldungen über zwei, drei, empfindliche Massaker, deren sich die ukrainische Armee gerühmt hat, akzentuieren das, und das russische Kriegsministerium hat eilig betont, die Kommandoebene träfe keine Schuld an ihnen. Aber die Terroroperationen der russischen Streitkräfte in dieser Phase blieben folgenlos, obwohl sie alles andere, als wirkungslos waren. Eine Belobigung Surowikins wäre unter diesen Umständen im allgemeinen Umfeld der russischen Heimatfront eine zwiespältige Botschaft, weit entfernt von den Ingredienzen der Vermittlung von Siegeszuversicht, und daher, aus meiner Sicht, untubar.

Versteht mich nicht miss, die obigen Überlegungen sind für sich belanglos, ich führe sie nur vor, um zu zeigen, daß sie keine Schwierigkeiten machen, sie sind für jemanden, der mit dem Thema zu tun hat und die Vorgänge der letzten Wochen kennt, eine Angelegenheit von Erwägungen, die in Sekundenbruchteilen im Hintergrund ablaufen können. Man darf annehmen, behaupte ich, ein geistig noch einigermaßen beweglicher Mensch muß sie beiseite schieben, um den Bullshit hinzuklieren, den Kleinebeckel schamlos veröffentlichen läßt (wie schamlos, davon gedenke ich weiter unten, wenn es mehr um die Sache gehen soll, noch weiter zu reden).
Also: Die oben ventilierte subjektive Seite des Vorgangs kann jemand mit Fug, wenngleich zweifelhaftem Fug, seiner unzweideutigen objektiven Seite zuschlagen. Das ist es, was die unausgesprochene Prämisse des „non sequitur“ leistet, so arbeitet sie, und schließt sich dabei an die Erfahrungswelt der Leser mit dem allgegenwärtigen Konkurrenzgebaren, eigenem, wie fremdem an, welche das Konstrukt für jemanden akzeptabel machen kann, der genau das will. Und die Mehrheit der Leser will voraussetzungsgemäß, sie sind dem Autor iwie zugeneigt, andernfalls schlagen sie den Dreck nichtmal auf.
Aber das ist nicht der Kern der Korruptheit, wenngleich ein gewohnheitsmäßiger Bestandteil.

So tun, als ob und denn …

Ihren Kern habe ich vor langer Zeit, in einem Zusammenhang, auf den ich zurück kommen werde, in begrifflicher Darstellungsabsicht „so tun, als ob und denn“ geheißen.
„Non sequiturs“ der vorliegenden Art, auf nichts gegründet, als „Möglichkeit“, den lieben Mitmenschen mithilfe der gesellschaftlichen Voraussetzungen und Umstände auf verschiedenste Weise zum Gesetz zu erheben, es zumindest zu versuchen, ja, versuchen zu sollen, unter materieller Drangsal auch zu müssen, das ist in dieser verfickten Gesamtkultur, ich deutete es schon an, sittliche Vorschrift.
Bis hin in die akademische Kultur, wo die Methode ein eigenes Gesetzeshaus namens „Pluralismus“, namentlich „pluralistische Wissenschaft“ hat. Auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ist das „so tun, als ob und denn“, auf unterschiedliche Art mit Vorschriften und Modaltäten eingehegt, doch der Kern ist stets derselbe, und das hat einen einfachen Grund, den ich jetzt unvermittelt hinsage, aber auch auf ihn zurück zu kommen gedenke:
Das „so tun, als ob und denn„, ist identisch mit dem „Fetisch der Ware und des Geldes“, wie Marx ihn begriffen hat, es ist seine subjektive Seite.

Kleinebeckels geistige Korruption bis ins Hirnmark, die er, daran zweifele ich nicht, bewußt mit dem Motiv mobilisiert hat, das ich eingangs knapp zu charakterisieren gesucht habe:

Das Motiv für Kleinebeckels korrupte Flachwichserei sollte unter diesen Umständen für „durchaus ehrenwert“ gelten, nämlich eine Einsicht des alten Mannes, alles andere, als ein Anschluß seiner Schreibe an diesen Trend – und die Redaktionsrichtlinie, versteht sich – könne allenfalls wirkungslos bleiben, das Mitmachen hingegen möglicherweise ein Beitrag zur Schadensminderung werden.

erscheint in seinem Fall besonders häßlich, ist aber zugleich im Kern so gewöhnlich, wie nichts anderes.

Und damit zurück zum Pausenprogramm.

Und by the way, wo ich schon biographisch zu schwatzen begonnen hab:
Ich widme diesen Eintrag meinem Jugendfreund „Schnackus“, in gewisser Weise einem Geliebten. Eine Zeit lang, da war er siebzehn, ist der Ausdruck „so tun, als ob und denn“ eine stehende, kommentierende Redensart von ihm gewesen, wie es Spätpubertären ansteht. Dann ließ er sie fallen, aber ich behielt stets den Eindruck, ihr Inhalt blieb sehr nahe am Zentrum des „Leidens an der Welt“, mit dem er sich vierzig Jahre lang aus einer Alkoholikerbiographie heraus hievte – und neu hinein fallen ließ. Beim letzten Gewaltentzug verweigerte sein Herz dieser Zumutung den Dienst.

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Eine Antwort zu Eine Null-Fortsetzung des letzten Eintrages

  1. tgarner9 schreibt:

    Wer den im Eintrag angesprochenen Artikel gelesen hat, wird wissen, wie unselbständig er ist – die fällige Ergänzung wollte ich rasch hinterher schicken, aber nachdem meine Nacht in einer dreistündigen Kette von Minutenschlafereignissen bestanden hat, habe ich null Trieb, sie meinem armen, kleinen Hirn zu entwringen. Sorry for that.

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