Menschenbild, Anthropologie, Rassismus

Neanderthalismus – Wofür hat Svante Pääbo einen Nobelpreis erhalten?

Die Studie, die 2010 ein mehr oder minder vollständiges Neanderthaler-Genom präsentiert hat, führt 50 Mitarbeiter in ihrer Autorenliste. Ich schätze, mindestens weitere 100 Leute haben wesentlichen wissenschaftlich-technologischen Anteil daran gehabt, daß sie zustande kam. Mit dieser Erinnerung will ich die Leistung von Svante Pääbo nicht mindern, im Gegenteil. Ein wissenschaftlicher Leiter hat in Projekten dieser Art beieindruckendes zu leisten, sein wissenschaftlich-technisches Urteilsvermögen darf denen seiner Mitarbeiter nicht wesentlich nachstehen, um deren Beiträge koordinieren und lenken zu können.

Pääbo hat den Nobelpreis für Medizin bekommen. Das ist sachgerecht, behaupte ich. Einem unbefangenen Betrachter könnte es absurd erscheinen, selbst wenn er weiß, daß die genetischen Daten der Studie biochemisch, pharmakologisch und gentechnologisch nutzbar gemacht werden sollen. Doch die zugehörige Forschung an rezenten humanen Populationen ist voraus gesetzt, wenn Grundlagen für mögliche „Differentialdiagnosen“ anhand von Neander-Genomen geschaffen werden sollen, davon ist die funktionelle Genforschung noch weit entfernt.
Falls man indes ein hygienisches Geheimprojekt im Hintergrund einer naturgeschichtlichen Erweiterung genetischer Differentialdiagnosen vermutete, das Bemühen, wissenschaftliche Grundlagen zu schaffen, mit denen künftige eugenische Projekte aufzulegen und zu rechtfertigen wären, Eliminierung von Genvarianten aus einer Population bzw. andere Methoden, Häufigkeitsverteilungen bestimmter Varianten zu manipulieren, machte ein vorgreifender Nobelpreis für Medizin gewissermaßen „Sinn“.
Doch diese Vermutung beruht auf einem Fehlschluss, wie ich im folgenden nachzeichnen will.

Die möglichen Resultate naturgeschichtlicher Differentialdiagnosen zählen zu einem Bereich, der in vergangenen Zeiten Rassenforschung hieß. Aus ihr ergeben sich eugenische Projekte gleichsam „von selbst“, weil Rassenforschung nicht an eine ideologische Referenz geknüpft ist. Die Scheidungen von Populationen, die so etwas wie Rassen ausheben, sind beliebig. Sie können an bestimmten phänotypischen Merkmalen ansetzen, an geographichen / territorialen / geschichtlichen Scheidungen, doch ebenso an ständischen Schichtungen einer Population. In Letztere können wiederum dynamische Scheidungen (Populationsentwicklung) eingeführt werden, womit der Bereich anfängt, den „Familienforschung“ traditionell besetzt, und von dort ist ein rassistischer Übergang zur Individualgenetik zu machen, mit dem man im medizinischen Bereich anlangt.
Die letzte rassistische Scheidung ist auf dieser Ebene die zwischen „Krankheit“ und „Gesundheit“, und die lebt wiederum von Kategorien und Kriterien, die individuelle Urteile über „Schaden“ und „Nutzen“ individueller Eigentümlichkeiten vermittels der gesellschaftlichen Verkehrsverhältnisse mit herrschaftlichen Urteilen über Schädlichkeit und Nützlichkeit solcher Eigentümlichkeiten verbindet.
Merkt bitte auf, wie trivial dieser Zusammenhang ist. Jeder Idiot im Nobel-Kommitee, bzw. in den zuarbeitenden Gremien, wird ihn bemerken, sobald er mit den Gegenständen der Paläogenetik UND den medizinischen Interessen an ihr bekannt gemacht wird.
Bemerken heißt freilich nicht, „sich Rechenschaft legen“. Das schiere Vorkommen der Kategorie „Krankheit“ im o.a. Zusammenhang ist vielmehr geeignet, jede weitere Überlegung und Wägung zugunsten einer medizinethischen Bewertung abzubrechen. Genau das, dürfen wir darob unterstellen, ist im Falle Pääbo geschehen.

Diese wohlbegründete Unterstellung taugt freilich nur dazu, auf ihrer Grundlage Untersuchungen anzustellen, inwieweit rassistische Motive und Zwecke in der Rezeption und Verwendung der Paläogenetik, und der Paläoanthropologie insgesamt, geltend gemacht und durchgesetzt werden.
Und anschließend hat ein solcher Beobachter sich darauf zu konzentrieren, welche Formgestalten solche Geltung und Durchsetzung erhält, denn erst dann langt man auf der ebene konkreter gesellschaftlicher Vorgänge an, abseits ihrer ideologischen Erscheinungsformen.

Der Neanderthalismus

Daniela Mocker hat für „Spektrum.de“, der traditionsreichsten und vermutlich verbreitetsten populärwissenschaftlichen Quelle abseits des Internet, einen Artikel verfasst, an dessen Text ich alle Facetten dessen demonstrieren kann, was ich mit diesem Label belege. Das beginnt mit dem Titel:
Der Genetiker, der den Neandertaler in uns fand.
Jedem verständigen „modernen“ Menschen, der über eine Elementarbildung verfügt, müsste der Titel augenblicklich die Frage stellen: Wer soll hier eigentlich „uns“ sein?

Pudel und Pinscher

Spontan wird wohl jeder die Antwort geben: Na, homo sapiens, in Unterschied zu homo neanderthalensis.

In genau diesem Moment, da dieser Mensch die Frage so beantwortet hat, egal ob ihm die Antwort spontan „eingeht“, oder er sie sich vorlegt, befindet er darüber, ob er von Daniela sachliche Mitteilungen oder Unfug bzw. Irrsinn zu erwarten hat, denn er kann die Aussage des Titels nur und genau dann auf diese Weise deuten, wenn er ihre Negation, den Befund „stimmt nicht“, in diese Deutung aufnimmt. Er weiß doch, selbst wenn er sonst nichts über das Thema weiß – Daniela wird dem weiter unten auf ihre Weise „abhelfen“ – daß die Frageaussage „Wieviel Hund steckt in einer Katze“ keinen „Sinn“ macht, weil „Hund“ und „Katze“ Oberbegriffe einer anderen Klasse sind, als, exemplarisch, „Pudel und Pinscher“. P&P zählen zur Klasse „Hund“, während „Hund und Katze“ zu einer Oberklasse gehören, die ein halbwegs Gebildeter automatisch – wissenschaftlich nicht völlig sauber, aber spielt hier keine Rolle – unter „Säugetiere, Abteilung Carnivore (Fleischfresser)“ absortieren wird. Danielas Titel verlangt folglich vom Leser, daß er die Identität des „Uns“ gegenüber dem „Neanderthaler“ zu dem Zwecke auflöst, sie umgehend gegen die Auflösung neu fest zu halten.

Nein, ich bin nicht bescheuert, indem ich diesen einfach zu fassenden Umstand so ausführlich auseinander nehme und mitteile. Denn der gewöhnliche Leser wird gemäß seinem Interesse oder Desinteresse an dem Thema das zweckmäßige Verfahren, das Danielas Titelkonstruktion benutzt, ignorieren. Er wird den impliziten Ersatz des Gattungsbegriffes „homo sapiens“ durch einen Rassenbegriff gleichen Namens entweder mitgehen oder ablehnen, doch genau so lange, wie er sich diesen Ersatz nicht explizit vorlegt, d.h. zum Thema seiner Befassung mit dem Artikel und seinen Gegenständen macht, duldet er ihn und wird ihn weiterhin dulden.

So und nicht anders arbeitet ideologische Propaganda in Zeiten von „Meinungsfreiheit“ und „Pluralismus“

Diese Aussage habe ich natürlich am Inhalt des Artikels darzustellen und werde das tun, doch ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit geht ihr voraus.
Ich meine den Umstand, daß es in erster Instanz keinen Unterschied macht, ob Danielas zweckmäßige Titelkonstruktion das Resultat derselben Art Duldung ist, die sie ihren Lesern abverlangt, oder von etwas anderem herrührt oder inspiriert ist, weil diese Duldung generell auf nichts anderem ruht, keinen anderen Grund hat, als Autorität.

Es ist an dieser Stelle wurscht, woher eine solche Autorität rührt und worauf sie ruht. Ob es die Autorität eines wissenschaftsjournalistischen „Mainstreams“, einer Gewohnheit, Autorität eines Verlegers, seines Sprachrohrs / Bevollmächtigten / Redakteurs oder Autorität eines Publikums ist, ist wurscht. Deshalb wäre es auch verkehrt, wenn wir Daniela ein „Schielen auf Erfolg“, materiellen oder ideellen Erfolgsdruck, als Motiv ihres Verfahrens unterstellten, obwohl es sie selbstredend zu ihrem Konstrukt bewegt haben kann; doch ebensogut kann das Motiv professioneller Enthusiasmus sein, dessen Autorität in nichts weiter, als dem des Mediums ruht, in dem und für das Daniela arbeitet. Das ist die Ebene, auf der die Parole „The Medium Is The Message“ wortwörtlich stimmt, weil sie alle Autoritäten, die sich an einem Gegenstand / Thema zu schaffen machen zu einer singulären Autorität vereinigt, in deren Wirken die Gelderwerbs- und Karriereinteressen eines Medienschaffenden sekundäre Motive und Antriebe darstellen.

Deshalb kann ich hier, bevor ich näher darauf eingehe, was es mit dem „Neanderthalismus“ auf sich habe, die Frage, wofür Svante Pääbo einen Nobelpreis erhalten habe, mit einem Zwischenbefund beantworten:
Unabhängig von den einelnen Beweggründen, Zielen, Zwecken der Juroren hat er ihn für den gewaltigen publizistischen Erfolg erhalten, der mit seinen Forschungsergebnissen, denen seines Teams und zahlreicher anderer Forscher und Teams, die seine Resultate zum Ausgangspunkt genommen haben, erzielt worden ist.

Der exzeptionelle Mensch

Der Genetiker Svante Pääbo rekonstruierte das Erbgut längst ausgestorbener Frühmenschen …

Auch wenn es wie Erbsenzählerei erscheint, merkt bitte auf, wie Danielas Erzählmuster den im letzten Teil vorgeführten rhetorischen Trick, der den Gattungsbegriff homo sapiens durch einen Rassenbegriff gleichen Namens implizit ersetzt, fortführt. Was bitte sollen „ausgestorbene Frühmenschen“ sein? Ist „Frühmensch“ keine liebevolle Bezeichnung für einen Mitmenschen, handelt es sich um einen sehr alten Kadaver eines Mitglieds der menschlichen Ahnenreihe, also per definitionem nicht ausgestorben.

Mit einigem Recht wird hier jemand einwenden, Daniela sei vielleicht einfach einer Tradition und / oder Mode gefolgt, ein Thema mit einer möglichst einfach zu fassenden, daher wenig trennscharfen und gemeinplätzigen Lexik und Syntax zu präsentieren, an die nur in verleumderischer Absicht strenge Maßstäbe anzulegen seien. Wenn ein Wissenschaftsjournalist sich bemühe, die Lektüre für Laienpublikum und beiläufig interessierte Leser so unterhaltsam und mühelos zu machen, wie die Botschaften, die er vermitteln wolle oder solle, es eben zulasse, dann sei das gewiss angreifbar, aber nicht zu verreißen, in dem man jedes Wort auf die Goldwaage lege und buchstäblich nehme.

Ich werde gleich einen Einwand gegen diese Auffassung bringen, aber zuvor lasse ich ihn einmal gelten. Denn mit ihm haben wir eine zweite Methode am Wickel, die für ideologische Propaganda im Zeitalter des Pluralismus und Meinungsfreiheit typisch und unverzichtbar ist: Die Methode kennzeichnet den Urtyp der Propaganda, Werbung mittels verführerischer Darstellung. Wir kennen sie als Bestandteil aller Kunstformen aus nahezu jeder schriftlichen und bildnerischen Überlieferung bis hinunter ins Zeitalter … des Neanderthalers.
Ja, nein, jetzt habe ich auch geworben, ganz so straight liegt die Sache nicht, aber ich werde darauf zurück kommen …
Die Epoche des Spätbürgertums hat die Kunst der Verführung allerdings perfektioniert und ubiquitär gemacht. Sie ist vermittels der Warenproduktion die übergeordnete Kunstform aller Künste, wobei ihr an dieser Stelle „Künste“ bitte in der altertümlichen Weise faßt, die alle Gewerke einschließt.
Und weil das so ist, sind die einzelnen Werbezwecke unwillkürlich ergänzt. Dem spezifischen Werbezweck muß ein Werbender einen übergeordneten Werbezweck beilegen, nämlich die Einbettung seiner Werbemittel und -methoden in eine ubiquitäre Werbewelt, in der „Dabeisein“, „auf der Höhe (der Zeit) sein“, ein separater, übergeordneter Zweck wird, die Werbenden um die Aufmerksamkeit des Publikums gegeneinander zu buhlen haben. Das dazugehörige Institut habe ich genannt: Moden und ihr Wechsel. Sie haben nichts mit einem „Herdentrieb“ zu tun, oder mit sozialpsychologischem Bullshit, der darüber erzählt wird, es handelt sich schlicht um eine Abteilung der Warenkunde, um Orientierungshilfen in derselben. Sozialpsychologische Motive im Umgang mit Moden sind sekundär, nicht primär.

Ja, sorry, ich folge hier dem Impuls, die Erklärung und Kritik des Textes wirklich gründlich zu machen, und das heißt u.a., daß ich Voraussetzungen der Rezeption eines Textes besprechen muß, soweit sie ihm erkennbar zugehören. Das ist hier der Fall. Daniela befleißigt sich vom Standpunkt früherer Leser- und Schreibergenerationen einer extremen Schlampigkeit, Mehrdeutigkeit und rundweg fälschlichen Darstellung, aber das ist in ihrem „Stück“ derart allgegenwärtig, daß es darob als Mode und Stil zu identifizieren ist. Diese Darstellungsweise folgt keiner anderen oder gesonderten Agenda, als dieser, jedenfalls erkenne ich keine.

Doch jetzt zurück zum Text und zu dem Grund, warum ich die beschriebene Rhetorik des ersten Satzes nicht für unwillkürlich halte, für zufällige Begleiterscheinung modischer und stilistischer Manieren und Angewohnheiten. Von diesem Standpunkt aus betrachtet wäre er nämlich entbehrlich, mehr noch, hinderlich. Der Folgesatz lautet:

Mit dem Neandertaler hat der moderne Mensch mehr gemein als lange angenommen.

Warum nicht gleich so?! Das ist die gradlinigste Anbiederung an ein Leserinteresse, das bei diesem Thema zu haben ist!
Die Antwort gibt Daniela umgehend – im Folgesatz:

Kaum eine Frage dürfte die Menschheit so sehr beschäftigen wie die nach ihren Wurzeln.

Das ist, naiv aufgefasst, eine freche, ja hundsgemeine Lüge. Weshalb der verständige Leser sich die Frage beantworten muß: Worauf rechnet die Verfasserin, indem sie annimmt, die Leser würden ihr einen solchen Text nicht buchstäblich rechts und links um die Ohren hauen? Ersatzweise – worauf rechnet der Redakteur, indem er solch empörende Anmaßung stehen läßt?

Ministrantin beruft Pääbo ins Episkopat eines ideellen Vatikans der Gäa-Jünger

Ignoriert den kackbraunen Philosophenquark, mit dem Daniela ihre Anmaßung ungeschickt bebildert. Hier zählt, wie ein gutwilliger Leser ihre Anmaßung nehmen muss, um gutwillig zu bleiben.
Er muß für sich zumindest vorläufig den Standort beziehen, den Daniela in jenem Satz bezogen hat, er muß sich zum Mitglied eines Kollektivs „Menschheit“ ernennen, wie es Produkt einer Gegenüberstellung mit einem Herrscher- und / oder Schöpfergott ist. Daniela hat in ihrem Satz einen Standpunkt bezogen, der dem einer abrahamitischen Priesterschaft vollkommen analog ist, sie fordert von ihren Lesern, sie mögen sich einer Jüngerschaft anschließen – wie stark sie auch immer sei – die Evolutionsgeschichte, -biologie und speziell Evolutionsgenetik, um die es hier schließlich sachlich geht, als einen exegetischen Quelltext behandelt, ganz genau so, wie der Christ die Bibel oder der gläubige Jude die Tora behandelt, um Schicksalsfragen der Gläubigen, und angemaßter Weise auch der Ungläubigen, in diesem Sinne Der Menschheit zu untersuchen und zu beantworten.

Ihr zweifelt? Ihr zeiht mich der Anmaßung und was der üblichen Dinge mehr sind? Na, nehmt wenigstens die Weise zur Kenntnis, wie Daniela nach dem nicht zitierten Philo-Quark wieder auf’s Thema zurück kommt (mit kommentierenden Satzzeichen):

Wann und wo tauchte (!) der (!) moderne (?!) Mensch – Homo sapiens – das erste Mal auf (!!) Was unterscheidet (?!) ihn von anderen Mitgliedern der Gattung (!?) Homo und ermöglichte (!) es ihm(?), eine (???) derart (?) beispiellose (!!) Kultur zu entwickeln?

Wenn du jetzt raunzt, ich solle gefälligst nicht so ekelhaft auf dem Mädel rumhacken, laß Dich in Kenntnis setzen, Daniela zitiert an dieser Stelle den Svante praktisch wortwörtlich. In sehr ähnlicher Formulierung hat Pääbo vor einigen Jahren einem großen Publikum gegenüber gerechtfertigt, daß er Neanderthalern und Mitgliedern anderer Populationen, die nicht vollgültig zu sapiens zu zählen seien, weiterhin eine Vollmitgliedschaft im Menschenzoo abspricht und an dem Konzept der Exzeptionalität – ein lupenrein rassistischen Konstrukt – des sapiens fest halte. Mehr noch, indem er seine Deutung des genetischen Erbes von Neanderthalern im sapiens-Genom dem Konzept von Beutemenschen unterwarf, der Ansicht, sapiens habe sich seither überwiegend alles Unreinen entledigt, das von dieser Seite kam – das ist natürlich meine polemische Präsentation – und nur behalten, was für seine Exzellenz nützlich (gewesen) sei, stilisierte er seinen Fund zu einem Beweis für das Konzept der rassischen Identität, dem er soeben eine gläubige Stütze weggekickt hatte, nämlich die (Lehr-) Meinung, Neander und Seppel hätten sich wohl nicht mischen können, und falls sie gekonnt hätten, hätten sie es schwerlich gewollt, recht eigentlich nicht wollen können

Falls du meine Darstellung hypothetisch oder auch pi mal Daumen gelten läßt, beantworte mal die Frage, ob ein Konzept des exzeptionellen Menschen, gestützt auf nichts als Ehrfurcht vor „seinem“ Überleben und den Produkten „seiner“ Kultur, je durch historische, paläoanthropologische oder genetische Daten und Kenntnisse erschüttert werden kann, bzw. wie jemand das denn bitte anstellen sollte.

Vorläufige Einfügung

Mir wurde ein Artikel vom Jan. 2021 zugespielt, „Wie das Erbgut des Neandertalers dem Homo sapiens bei der Anpassung half„.

Ich hatte in den voran gegangenen Teilen schon zureichend, wenngleich nicht hinreichend dargestellt, wie populäre Verwertung der humanen Paläogenetik zumindest in Teilen der Öffentlichkeit rassistische, ekklesiastische und selbst episkopale Züge aufweist, letztere häufig geknüpft an die Rolle, die Svante Pääbo in der Popularisierung der Forschungsergebnisse hatte.
Mein ursprünglicher Plan sah vor, das zu ergänzen und zu verfeinern.
Das verwerfe ich jetzt, weil das eh kaum jemand liest, und kommentiere lieber den obenstehenden Artikel, der mehr auf die Datenlage eingeht, als der Spektrum-Artikel von Daniela, weil er mir Gelegenheit gibt, Tendenzen in der interessierten Mißdeutung dieser Daten, bis hin zur platten Verfälschung, Ignoranz und rundweg Gelogenem aufzunehmen und im beispielhaften Zusammenhang zu kommentieren. Solchen Zusammenhang hätte ich systematisch herzustellen, wenn ich mich nicht an einem oder mehreren Beispielen orientierte, und die Schriftform verhilft mir zur Vergewisserung.

Der Teaser:

Die außerhalb Afrikas lebende Weltbevölkerung trägt rund zwei Prozent Genmaterial in ihrem Erbgut, das vom Neandertaler stammt und eine Vielzahl körperlicher Merkmale beeinflusst. Ganz offensichtlich hatten die beiden Menschenformen gelegentlich Sex miteinander. Doch weshalb starb der Urmensch aus, während sein Erbe in uns überlebte?

Erstens

Die „rund zwei Prozent“ sind sehr offenkundig eine Sprachregelung, ich fand sie in allen spezifisch tendenziösen populärwissenschaftlichen Darstellungen, die ich kenne, darüber hinaus auch in wissenschaftlichen Publikationen gleicher Tendenziösität, und die Angabe ist gleich mehrfach irreführend.

Die gröbste Irreführung:

Schon vor 9 Jahren, in der ersten Phase der Auswertung der Daten des Neander-Genoms, räumte Pääbo im Rahmen seiner Präsentationen und Vorträge zunächst nur widerwillig und auf Nachfrage ein, nach vorliegenden Schätzungen läge der Umfang des in rezenten sapiens überlieferten Neander-Genoms bei mehr als 30% der Referenz.
Diese Erhebung ist bis heute nicht abgeschlossen, die jüngste Schätzung, die mir unterkam, lag bei 42-45%.
Eine abschließende Erhebung kann es zudem nicht geben, weil neuere Daten aus der Fossilienforschung und Genforschung ergaben, daß ein zweiseitiger Genflow zwischen Neandern und Seppeln mindestens 250 k alt sein könnte, einige Forscher sagen: müsste. Näheres dazu weiter unten.
Das aber legt eine Hybridisierung von unklarem Umfang derart nahe an den Zeitraum, für den aufgrund der mtDNA die Auseinanderentwicklung der Stammformen angenommen wird, 400 – 600k (diese molekulare Uhr ist sehr ungenau, zugleich die Genaueste, die verfügbar ist), daß dieser selbst infrage steht. Auch dazu später mehr. Hier nur ein Schlaglicht dazu: Wenn man diese jüngeren Daten, in denen das älteste unstreitige sapiens-Genom ein 45k alter neanderseppel Hybrid ist, radikal auslegt, ergibt sich die Hypothese, die unzweideutig erscheinenden Neander-Genome, die man kennt – bis zu 180k alt, und ältere werden kaum noch verfügbar werden – repräsentierten eine Gendrift-Variante aus einer sapiens – Flaschenhalspopulation.

Noch gröber wird die Irreführung dadurch, daß die Stärke der beteiligten Populationen aus den statistischen Berechnungen ausgemischt werden. Sowohl vorliegende genetische, als fossile Daten, die Schätzungen der Neander-Populationen zur Zeit rezenter Hybridisierung von bereits in unbekanntem Umfang hybridisierten Seppelneandern und Neanderseppeln zwischen etwa 60 bis 50k immerhin zulassen, haben etliche Forscher bewogen, den Umfang der Neanderseppel -Populationen in der relevanten Zone vom mittleren Osten über West- und Zentralasien, auf nicht mehr als 10 bis 15 Tausend Köpfe zu schätzen. Von daher ist unklar, ob mehr, als ein paar Hundert Neanderseppel an dieser Hybridisierungsphase beteiligt waren. Deren Genome waren überdies durch Flaschenhalseffekte und Inzucht arm an Varianz. So viel zum „gelegentlichen Sex“ der Seppelneander mit Neanderseppeln …
Vor diesem Hintergrund spricht eine Einmischung von sage 40% des referentiellen Neandergenoms in rezente Sapiensgenome vom glatten Gegenteil dessen, was uns die Fälscher mit „1-3%“ individueller Einmischungsrate sagen wollen.

Zweitens

Nach obenstehendem fast überflüssig zu erwähnen: Die Insinnuation, die afrikanische Bevölkerung sei „praktisch neanderfrei“, ist eine Propagandalüge, die Pääbo selbst vor 10 Jahren aufgebracht und dann rasch fallen lassen hat. Heute werden die „1%“ in den „1-3%“ individuellen Neanderanteils meist auf die afrikanische Bevölkerung bezogen und verschwiegen, daß die Individualanteile in der asiatischen Bevölkerung nicht selten bei 6% und höher liegen, die Siedlerpopulationen in der Seppelneander-Bevölkerung zwischen 60 und 40k, die nach Osten wanderten, dort folglich entweder einen höheren Neanderanteil konserviert haben, oder unterwegs weitere Neander-Anteile aufsammelten – vermutlich Beides.