Russland – Türkei

TG-Journal, 25. Februar 2020

Russische Luftwaffe übernimmt den „Syrischen Fleischwolf“

Vor vier Tagen konnte es noch so scheinen, als nutze der Kreml seine NATO-Lizenz zur Bekämpfung türkischer Okkupationstruppen in Idleb wie von den Urhebern gewünscht – zur Demontage des „Rais“ zugunsten plegeleichterer türkischer Verbündeter, darunter Ehemaliger, wie dem Ex-Außenminister Davutoglu, der vor einigen Wochen aus der Versenkung erschienen ist, Widerstände gegen die Führerdiktatur in der AKP zu sammeln, ohne daß er von deren Bütteln kassiert worden wäre 1.

Zu dieser Zeit hatte die russische Luftwaffe robust die von türkischer Artillerie und Panzertruppen unterstützte Jihadi – Offensive auf den kürzlich von der SAA eroberten Ort Nayrab zurück geschlagen. Es gab türkische Opfer, die der Generalstab in durchsichtiger Verlogenheit der syrischen Armee anlastete.
Gestern hatte eine zweite Offensive Erfolg: Regime forces withdrew from the village with many casualties. AMN bestätigt das, reklamiert indes „150 getötete feindliche Kämpfer“ – eine immense Zahl für eine einzelne Schlacht gemessen an den Strategien des Abnutzungskrieges, die das syrische Kampffeld seit der Rückeroberung Aleppos dominieren.
Die Meldung von AMN hat eine Geschichte, die ich bezeichnend finde. Sie erschien schon gestern, wurde aber binnen Minuten zurück gezogen zugunsten eines schmallippigen Absatzes in einem anderen Artikel, in dem es hieß, die Kämpfe um Nayrab dauerten an. SANA blieb stumm, überschlug sich stattdessen mit Siegesmeldungen aus einer Region weit südlich, die Gebiete um Kafar Sijnah westlich der M5 zwischen Maarat al Numan und Khan Sheikun, wo sie anscheinend auf keinen nennenswerten Widerstand stieß.
Stattdessen huschen jetzt in den sozialen Medien „westliche“ wie „östliche“ Ratten aus den Löchern, Fake News zu verbreiten. Nayrab sei als Sprungbrett für eine massive türkische Offensive zur Rückeroberung Sarakebs ausersehen, die kurz bevor stehe, wie vom „Rais“ angekündigt.
Die Regierungszeitung Andalou stellt dagegen richtig: The city … occupies a strategic location on the junction between the M5 highway which links Damascus to Aleppo and the M4 highway which connects Aleppo to Latakia. Zugleich meldet sie die erneute Ankunft einer hochrangigen militärpolitischen Delegation aus Russland zu morgigen Gesprächen, in denen es, weit vor dem für den 5. März angekündigten, von russischer Seite aber m.W. nicht bestätigtem Vierer-Gipfel mit Macron und Merkel, darum gehen soll – mit Erdogans Worten – “(to) try to draw up our roadmap by negotiating with Russia at the highest level”.

Der Kreml möchte also definitiv vor einer eventuellen europäischen Einmischung – der sich zu verweigern er vielleicht für unklug hält – mit Erdogan vollendete Tatsachen schaffen, und dazu zählt der türkische Sieg über die SAA in Nayrab, den die russische Luftwaffe mühelos erneut hätte vereiteln können und der deshalb der syrischen Militär- und Staatsführung mit Hilfe einer unbestimmten Zahl syrischer Leichen die Blütenträume austrieb, sie könne unter russischer Deckung über kurz oder länger die Trasse Latakia – Aleppo genauso freikämpfen, wie die M5, unter identischer Berufung auf die uneingelösten türkischen Zusagen in Sochi, auf die sich der Kreml nach Gusto beruft oder sie mit Schweigen übergeht.

Warum die russische Luftwaffe dann vor drei Tagen am selben Ort eine türkische Armeeeinheit mehr oder minder symbolisch aufgemischt hat? Naja – man will halt nicht nur als der Bittsteller in einer Zwangslage auftreten, der man sich als ein russischer Beauftragter zur Wahrung von Regionalmachtinteressen im zerfallenden Imperium selbstbewußt ausliefert.


  1. Seit Beginn der Kämpfe in Idleb hat sich Davutoglu freilich weise wieder aus der Öffentlichkeit zurück gezogen. 

28. Februar 2020

Syrien: Wer immer wen ausgetrickst hat – NATO gewinnt

„Oh my gosh“, zitiert der Washington Examiner die US-Nato-Botschafterin Kay Hutchison, konfrontiert mit den jüngsten Meldungen aus Ankara. Nach dem üblichen Geschwätz kommt eine klare Ansage:

“Nothing has been really brought up for a decision in NATO,” she said. “They see the situation as being, just, very much moving into crisis mode. And so I cannot tell you that we’ve talked about any action whatsoever.”

Obenauf gab sie ihre Erwartung kund, Ankara werde nun Grund genug haben, zu Kreuze zu kriechen:

“I just hope very much that President Erdogan sees who is their reliable partner and who isn’t. They see what Russia is … and if they are attacking Turkish troops, then that should outweigh everything else that is happening between Turkey and Russia.“

„Sputniknews“ fügt bezeichnenderweise hinzu: „And they need to drop the S-400″, said Hutchinson.
Ob Letzteres erfunden ist, oder nicht, es kennzeichnet die Lage. Kein Außenstehender wird erfahren, wie es dazu kam, daß die russische Luftwaffe im Verlauf des gestrigen Tages die türkische Rückeroberung Saraqebs und damit die erneute Blockade der Verbindung Hama-Aleppo zugelassen hat, doch was folgte, war so gut wie zwangsläufig und daher im Plan des- oder derjenigen, welche die ausschlaggebenden Entscheidungen dazu fällten: Damaskus konnte sich von diesem Moment an nicht länger an Sochi binden und mußte dem Kreml die Stirn bieten. Die syrische Entscheidung zu einem Luftangriff auf eine türkische Stellung in den Zawiah-Bergen die, abseits der bisherigen Hauptkampflinien, die M4 gegen syrische Truppenansammlungen entlang der M5 sichern sollte, wählte stocknüchtern die vermutlich einzig erhältliche Methode, Moskau eine Botschaft zukommen zu lassen, die nicht ignoriert werden kann.

Doch nun wird, denke ich, der Kreml via Ankara eine gleichermaßen klare Botschaft ausliefern, wo in Moskau Hemd und Hose sitzen. Russland verliert nichts Zählbares, wenn türkische Artillerie und Panzertruppen die ausgezehrten Reste der SAA zu Klump schießen. Man hockt sicher auf dem russischen „Flugzeugträger“ Latakia, mitsamt seinen Gasvorräten, den anzutasten Erdogan sich hüten wird.

Russische Regierung kommandiert SAA zum Rückzug

Das geht aus der morgentlichen Stellungnahme des russischen Kriegsministeriums hervor. Die Voraussetzungen dieser Auslegung entnehme man meinen Vorberichten (25. Feb.; letzte Nacht).

Das DoD versichert, die SAA habe nicht bewußt türkische Truppen angegriffen, die sich inmitten von „Einheiten der Terrorgruppe Hayat Tahrir al-Sham“ aufgehalten hätten, die am 27. eine „groß angelegte Offensive auf syrische Truppen begonnen“ hätten. Die Anwesenheit türkischer Truppen in der fraglichen Gegend sei der russischen Kontaktgruppe „nicht mitgeteilt“ worden.
Dann folgt der Schlüsselsatz:

„Immediately after receiving information about the injured Turkish troops, Russia took comprehensive measures to ensure full cessation of hostilities by Syrian forces.“ (Herv. von mir)

Es gibt genau eine „umfassende Massnahme“, die der Kreml treffen kann, die syrischen Truppen zur Einstellung des Kampfes zu zwingen: Die Drohung, sämtliche Luftunterstützung einzustellen.
Das ist fast beweiskräftiges Indiz, daß der Kreml diese Drohung in der vergangenen Woche bereits umgesetzt hat, sodaß die türkische Wiedereinnahme Nayrabs und Saraqebs eine mittelbare russische Strafmaßnahme gewesen ist.

Dafür spricht ebenfalls, daß die israelische Luftwaffe in dieser Zeitspanne mehrere Angriffe auf Damaskus flog und gestern demonstriert hat, sich dafür russische Deckung zu nehmen. Die Hubschrauber-Angriffe auf syrische Ziele in Quneitra vom besetzten Golan aus hätten nicht statt gefunden, wenn die IAF nicht sehr sicher gewesen wäre, daß die syrische Seite still hält, denn einen obligatorischen Rachefeldzug nach einem Abschuß kann die israelische Militäraristokratie jetzt gerade nicht brauchen, behaupte ich.

Parallel zum DoD hat der stellvertretende Vorsitzende des außenpolitischen Komitees des Föderationsrates, an dessen Vorgaben die russische Regierung strikt gebunden ist, Vladimir Dzhabarov, die Leitlinie des russischen Vorgehens vorgestellt:

“If the Turks bet on military force, that would be a really bad idea since winning such a war would be difficult,” he added. “Syria is not alone; it has allies in the Arab world, which will support it.”

Und deshalb werde eine türkische Offensive gegen die SAA „“end badly for everyone, including Turkey”. Das heißt selbstredend: in erster Instanz werde es für Damaskus „böse enden“. Ich „übersetze“ weiter: Die russische Regionalpolitik werde zweifellos einen Rückschlag erleiden, doch der sei zu verkraften, weil die arabische Welt sich noch entschiedener gegen die Türkei wenden werde, als das schon der Fall ist.

Mit diesen Aussagen ist der Dringlichkeitssitzung des Natorates nach Art.4, die Stoltenberg in der Früh anberaumt hat, der Boden bereitet: Kein Handlungsbedarf, für niemanden 1, außer der Besetzung der im US-Congress embeddeten Muppets-Show.


  1. … für niemanden, weil der Sekundärangriff, den die NATO via Ankara auf die EU führt, indem ein Sprecher der türkischen Regierung heute früh die Flüchtlinge aus aller Welt, die sich in der Türkei aufhalten, zum Grenzübertritt gen Westen aufforderte, ein Schlachtfeld betrifft, das dem syrischen bloß benachbart ist. 

Zum „Zusatzprotokoll“ zur Vereinbarung von Sochi 9/17 vom 6.3.’20

Der Text des „Zusatzprotokolls“. Die Vereinbarung von Sochi (Das Original ist bei mid.ru anscheinend versteckt oder gelöscht).

Das „Zusatzprotokoll“ hebt die Vereinbarungen von Sochi auf

Einschließlich des im Mai/17 unterzeichneten „Memorandum on the creation of de-escalation areas in the Syrian Arab Republic„.

Begründung:

  • Entgegen der „Verpflichtung auf Souveränität und … Integrität“ Syriens erkennt das „Zusatzprotokoll“ die geschehene Wiederherstellung syrischer Souveränität über Teile der „Deeskalationszone“ kraft Waffenruheverfügung faktisch, aber nicht diplomatisch an. Es revidiert nicht die Grenzen der Zone und tastet die befestigten türkischen „Beobachtungsposten“ jenseits der neuen Waffenstillstandslinie nicht an.
  • Das „Zusatzprotokoll“ erschafft kraft Waffenruhevereinbarung eine Türkisch Besetzte Zone in den Schranken der „Kontaktlinie“.

Letzteres ist gegeben in der impliziten Anerkennung aktueller und künftiger türkischer Truppenstärke – einschließlich der Art ihrer Bewaffnung – in der Provinz.
Nach weit auseinanderliegenden Angaben sind das derzeit 5000 Mann, incl. 80 Kampfpanzer (inoffizielle Angabe aus der russischen Presse) oder bis zu 11000 Mann mit einem ungezählten Arsenal mittelschwerer Artillerie, dessen Löwenanteil in die Hände eben jener Terroreinheiten übergeben worden ist, zu deren Bekämpfung sich die Türkei in allen Vereinbarungen, einschließlich des „Zusatzprotokolls“, verpflichtet hat. Um wenigstens eine diplomatische Integrität von „Sochi“ zu wahren, hätte die Türkei im Zusatzprotokoll auf eine Entwaffung dieser Söldnertruppen verpflichtet werden müssen, was die türkische Militärpräsenz im Sinne „syrischer Souveränität … usw.“ rechtfertigen könnte.

All das weiß der russische Präsident bestens und in diesem Licht ist seine Erklärung auf der gemeinsamen Pressekonferenz zu lesen: Ein erster Teil befaßt sich ausschließlich mit dem geo-, handels- und industriepolitischen Wert der Entente mit der Türkei für die Russische Föderation.
In einem zweiten Teil gemahnt Putin die türkische Seite exemplarisch und summarisch an ihren Bruch der Verträge, der durch das „Zusatzprotokoll“ offenkundig nicht geheilt wird, sondern eine bedingte Anerkennung erfährt (dazu unten mehr).
Die Mahnung signalisiert also der türkischen Seite wie jedem, der es gern so verstehen will, daß die Geduld der Russischen Armee nicht derart unerschöpflich sein könnte, wie Putins Geduld erscheinen müsse.

  • Die Vereinbarung zur Schaffung eines „Sicherheitskorridors“ entlang der M4 geht hinter Punkt 8 der Vereinbarung von Sochi zurück, in dem es hieß: „Transit traffic on the routes M4 (Aleppo-Latakia) and M5 (Aleppo-Hama) will be restored by the end of 2018.

Die Hinterhältigkeit dieses Punktes ermisst man am besten, wenn man liest, welche Ausdeutung des „Zusatzprotokolls“ Erdogan in der gemeinsamen Pressekonferenz zugestanden worden ist.

He stated the Assad regime is targeting the region’s stability with its aggression and was mainly responsible for violating the Idlib agreement reached between Turkey and Russia in 2018 to turn the area into a de-escalation zone.
„Turkey, of course, would not stand idle by such a threat,“ he vowed.
„We have taken a much more active role on the ground both to prevent the regime’s aggression and to restrain the other groups who do not comply with the cease-fire,“ Erdogan said.
The Syrian regime’s main purpose is to depopulate Idlib and place Turkey in a difficult situation with migration pressure, he said, adding it was inevitable to create a new status in Idlib, especially after last week’s deadly attack that martyred at least 34 Turkish troops.
„First of all we will realize the cease-fire as soon as possible, then we will take other the steps rapidly which we will decide together,“ Erdogan said, but stressed that Turkey reserves its right to response to any attack by Syrian regime during the process.
(Herv. v. mir)

Erdogan hat noch auf der Pressekonferenz die Lippenbekenntnisse des „Zusatzprokokolls“ zu „Sochi“ mit der Beanspruchung des oben gezeigten „neuen Status“ zerrissen, der in Idleb, in Syrien,  eine militärische Front zwischen der Türkei und Syrien, im Kontrast zu einer Front zwischen Syrien und türkischen Proxytruppen, errichtet.
Die zivile Funktion des „Sicherheitskorridors“ entlang der M4 wird somit vorhersehbar an eine bleibend umstrittene russisch-türkische Würdigung syrischen Wohlverhaltens im Gesamtraum Idleb-Aleppo gebunden.

Andererseits – das will ich nicht unterschlagen – soll und könnte aus russischer Sicht der „Sicherheitskorridor“, falls je praktisch umgesetzt, eine tauglich zu überwachende  Demilitarisierung der südlich davon gelegenen Bezirke der „Deeskalationszone“ leisten, das ist das wichtigste Lockangebot an die syrische Militärherrschaft. Infolgedessen könnten die Bewohner der Al Graib – Ebene sich aus der Pflicht entlassen, Idleb zu versorgen, die Wirtschaftszonen Homs und Hamas gestärkt, und der militärische Aufwand zum Schutz dieser Städte und des nördlichen Teils von Latakia, incl. der russischen Basen, gemindert werden.

Nachtrag vom 8. März:

Die Schwäche meiner knappen Bemerkungen zum „Zusatzprotokoll“ zur Vereinbarung von Sochi 9/17 vom 6.3.’20 liegt natürlich in der beiseite gelassenen Einbettung des Schlachtfeldes Idleb in den Krieg, dessen Teil es ist.

John Helmer, dessen Darstellung in THE CATHERINE PRINCIPLE FOR NEGOTIATING WITH THE TURKS – LET ARMS DO THE TALKING meine Darlegung des faktischen Resultates der Verhandlungen deckt, geht genau einen Schritt über sie hinaus. Ich hatte geschrieben:

Das „Zusatzprotokoll“ erschafft kraft Waffenruhevereinbarung eine Türkisch Besetzte Zone in den Schranken der „Kontaktlinie“ … Erdogan hat noch auf der Pressekonferenz die Lippenbekenntnisse des „Zusatzprokokolls“ zu „Sochi“ mit der Beanspruchung des oben gezeigten „neuen Status“ zerrissen, der in Idleb, in Syrien,  eine militärische Front zwischen der Türkei und Syrien, im Kontrast zu einer Front zwischen Syrien und türkischen Proxytruppen, errichtet.

Helmer, mit einer von keinen intellektuellen Skrupeln getrübten Parteilichkeit gegen die türkische Seite, übersetzt dies schon in seiner Überschrift umstandslos in eine militärische Front zwischen der Türkei und Russland, und das ist in erster Instanz eine „wohlmeinende“ Lüge.

Diese Lüge ist kenntlich und sogar bekennend in Helmers Text. Er schreibt, sein Titel umschreibe das „Skript„, dem die russische Seite gefolgt sei, indem sie zugelassen habe, den „Berg“ des diplomatischen Aufwandes in den Verhandlungen mit der Türkei auf den „Maulwurfshügel“ der unterzeichneten Vereinbarung zu schrumpfen. Dies Skript, behauptet er frech demagogisch, sei Präsident Putin diktiert worden, nämlich von den Leuten, die Helmer oft „die Stavka“ zu nennen beliebt:

It is the result of the Russian side applying the brief script dictated to Putin by the Defence Minister Sergei Shoigu, the Foreign Minister Sergei Lavrov, and the General Staff led by General Valery Gersasimov,  and  confirmed the day before by the Security Council.

Mehr, als die Tatsache, daß diese Figuren im Nationalen Kriegsrat zusammen gehockt sind, liefert Helmer nicht für seine Behauptung.
Wenn ich euch jetzt auffordere, das mit der Weise zu vergleichen, wie ich die selbstredend existente innerrussische Konfliktlinie „zwischen Krieg und Frieden“ in meine Darstellung aufgenommen hatte, fröne ich keiner Rechthaberei oder dgl., es sei denn, ihr wolltet es so nennen, wenn ich darauf bestehe, daß die Differenz den analytischen und intellektuellen Schaden umschreibt, den Parteilichkeit in diesem Fall anrichtet:

[Putins] Mahnung [auf der Pressekonferenz] signalisiert also der türkischen Seite wie jedem, der es gern so verstehen will, daß die Geduld der Russischen Armee nicht derart unerschöpflich sein könnte, wie Putins Geduld erscheinen müsse.

 Auf diese Weise läßt Putin, dem Verhandlungsresultat entsprechend, beiden Parteien Raum für künftige Kalküle, ob und inwieweit sie die beidseitig anerkannte militärische Front zwischen Türkei und Syrien in eine zwischen Türkei und Russland transformieren wollen.
Jetzt werden 999 von 1000 Lesern, wenn es denn solche gäbe, hohnlachen: Das sei doch dasselbe, was Helmer sage, nur verschraubter. Eben nicht.

Helmers Darstellung naturalisiert den Krieg, über den er schreibt, mit dem Gewinn, ihn des Kontextes zu entkleiden, den er im laufenden imperialen Weltkrieg um den Globus hat.
Das erkennt man am Besten in der Allegorie, die er wählt, um den Leser für seine kenntlichen Lügen zu werben:
Selbstredend ist das „Katherinische Prinzip“ eine freie Erfindung. Helmer sagt doch selbst, es sei ein historiographisches Destillat des (militär)politischen Resultates der russisch-türkischen Kriege von 1768 bis 1792. Mit solchen Erfindungen, Destillaten und Allegorien zu operieren, zählt zum Geschäft von Diplomaten und deren Kriegsherren. Der Schreiberling, der sie sich aneignet, oder sie auch aus eigener Phantasie und Initiative vorschlägt, macht sich, ggf. freizügig und unberufen, zum Lakaien der Kriegsherren und diese Diagnose ist mir im Falle John Helmer aus zwei Gründen wichtig:

  1. Solch ein Lakai dient beiden Kriegsherren im adressierten Konflikt, obwohl er gewöhnlich wähnt, nur einem zu dienen.
    Der vorliegende Fall ist so dankbar, weil Helmer das weiß und erkennbar so will. Er nimmt sich die Freiheit darauf zu setzen, daß seine Mannschaft gewinnen wird, wie immer der Verlauf. Das ist nicht „Nationalismus“ sondern eine Ebene darüber angesiedelt, eine Kultivierung des Nationalismus, die in Fußballkulten halt dieselbe Form und Dynamik erkennen läßt, wie in Helmers Kult der Stavka.
  2. Diese nationalistische Kultur kann nicht verfehlen, ihre Adepten geistig zu zerrütten.
    Aufgemerkt: „geistig“ ist nicht gleich „intellektuell“! Helmer ist ein höllisch schlauer Bursche unter anderem deshalb, weil er das intellektuelle Geschick kultiviert hat, die unausweichliche Bestimmung des Lakaien zu rationalisieren, seinen Herren, deren Verfügungen und den Folgen, die sie haben, unentwegt hinterher zu hecheln und seine Narrative, Deutungen, Bild- und Wertewelten solch einem „Engel der Geschichte“ zu akkomodieren.
    Und solch eine Arbeit, solch ein Dasein, ist buchstäblich der Wahnsinn.

Ich habe im Plan, auf sachlichere und weniger ideologiekritische Weise auf die Einbettung der Sache in den Weltkrieg einzugehen, anhand einer Meinungsäußerung aus berufener Quelle in den Reihen der zionistischen Kriegsfraktion: There could be trouble brewing for Israel in Syria.
Der Herr Fishman ist weniger Lakai, und mehr Sprachrohr, was teilweise schon daran kenntlich ist, daß sein Artikel vom 21.2. das Resultat der russisch-türkischen Kriegsdiplomatie vorweg nimmt.