Privateigentum, Individuum, Moral

Eine kommentierte Gliederung (ungefähr anno 2000)

  1. Das Erlaubte und Verbotene: Herrschaft und Gesetz.
  2. Das Gebotene: Idealität; Sittlichkeit, Recht, Anstand und Benehmen.
  3. Das Wollen: Moralität, Tugend.

ad 1.

Privateigentum und Herrschaft am Beispiel des Mosaischen Gesetzes: Gebot 1, 4, 5, 6, 7, 9, 10.
Eine gesellschaftliche Partei macht sich zum Sachwalter eines ideellen Institutes, welches „eigentlich“ (metaphysisch) das ganze Gemeinwesen umgreifen soll und setzt diesen Anspruch blutig durch:
a) Legalitätsprinzip (1. Gebot). Den Unterworfenen wird das Leben unter Bedingungen zugestanden und damit ins Recht gesetzt.
b) Schutz des Privateigentums und der Familie: Das Gesetz verpflichtet die Unterworfenen auf private Konkurrenz um gesellschaftlichen Reichtum, indem es deren private oder kollektive Beendigung untersagt: erlaubter Materialismus.
Die gewaltsame Versöhnung der Gegensätze des Privateigentums vermittels der Verkehrsformen der Konkurrenz (Verträge) wird geboten. Den Formen, welche die Gegensätze in der Konkurrenz annehmen, wird in der Gesetzlichkeit eine Verlaufsform zugewiesen, welche die Verkehrsverhältnisse gegen die Sprengung durch die Unterworfenen schützt (Recht). Die Parteilichkeit der Herrschenden für sich selbst setzt über die Parteilichkeit der Unterworfenen für die widersprüchlichen Verkehrsverhältnisse die Institute dieser Versöhnung ins Recht: Privateigentum, Familie, Nation (bzw. Volk). Übergang zur Idealität.

ad 2.

Mit der Verfügung über und der Verpflichtung auf privaten Reichtum ist den Subjekten eine Verfügung über ihr Zusammenwirken im Gemeinwesen, das über die Modi der Gesetzlichkeit (Rechtschaffenheit) hinaus gestaltend wirken wollte, entzogen, weil solches Ansinnen die institutionalisierten Gegensätze blutig aufbrechen muß. Gesellschaft, welche die Menschen, ist sie einmal da, nicht länger herstellen, sondern als deren Glieder sie sich gebärden. Das Zusammenleben der Menschen ist nicht Teil ihres persönlichen Lebens, sondern das persönliche Leben wird besondere Daseinsform eines allgemeinen Lebens (der Fetisch der Psychologie: Individualität als Charakter, statt Seele). Darzustellen an den drei Instituten:

a) Privateigentum (abstrakter Reichtum): besitzen, was einem nicht gehört. Wer von seinem Eigentum leben muß, hat es in Dienst zu stellen. Der Privateigentümer lebt von einem Titel auf einen Teil des Privateigentums. Das Verhältnis der Eigentümer ist objektiviert im Verhältnis ihres Eigentums.

b) Staat: Hier in Gestalt des Staatswesens bzw. der Nation. Abstrakte Sozialität, welche die Gegensätze der Konkurrenz verklammert. Nur als Staatsbürger kann man sich in ihnen bewegen. Rechtssubjekt. Ansprüche, die einer stellen muß – weil sie an ihn gestellt sind.

c) Familie: Der Konkurrent im eigenen Haus oder: Angehörige die man nicht besitzt. Das Privateigentum trennt die biologische Reproduktion von der ökonomischen. Die Familie ist zugleich Fundament und Anhängsel des Herrschaftszusammenhanges, unter den sie subsummiert wird. Wer in der Familie zum Privateigentümer und Staatsbürger sozialisiert wird, muß Familienmensch werden, ein „Wir“ neben und gegen sein übriges Dasein annehmen und wird Organ der Familie. (gender als Herrschaftsform: Das Geschlecht wird zu einer Form von Privateigentum)

In den Abteilungen 1 bis 3 findet ein Mensch in den Dingen, mit denen er umgehen muß und in den Verkehrsverhältnissen, in denen er sich zu bewegen hat, gültige Zwecke vor. Die widerstreitenden persönlichen Zwecke sind in den Instituten der Herrschaft zusammengeführt. Allgemeine „Menschlichkeit“ getrennt vom persönlichen Leben. Dies ist der Inhalt abstrakter Subjektivität. In der entwickelten Form spaltet sie die Unterworfenen in Konkurrenzsubjekt (bourgeois) und Rechtssubjekt (citoyen).
Im Gesamtraum des Gemeinwesens hat Mensch die institutionellen Daseinsweisen abstrakter Subjektivität in sich zu verbinden. Darin ist er zuständig für sie und Individuum, die Form abstrakter Subjektivität. Seine Bühne ist die 4. Abteilung der Sittlichkeit:

d) Öffentliche Ordnung. Die Verlaufsform der Sozialität von vereinzelten Einzelnen. Feindschaft und Interesse, Gleichgültigkeit und Freundlichkeit, Anstand und Benimm, Rechtschaffenheit (Berechenbarkeit).

Bürgerliche Individualität besteht daher nur subjektiv (Anm.; soll hier heißen: im Selbstempfinden der Betroffenen) in den natürlichen Eigenheiten eines Menschen, seinem Temperament und dem, was er will und tut. Sie ist objektiv (erzwungenermaßen) besondere Existenzweise der in Privateigentum, Familie und Staat verfaßten Gattung.

In der gegen alle Gegensätze und Widersprüche gesetzten Idealität des Gebotenen (des Sollens, das der Geltung der herrschaftlichen Institute aus den Wechselfällen der Konkurrenz und der technischen Entwicklung zuwächst) erscheint nichts mehr so, wie es an sich ist. Die gültigen Zwecke nebst ihrem Zusammenhang (ihren Gründen) sind ersetzt durch ihr Verhältnis zum Gesetz: die Relation des Guten und des Bösen. Die rationelle Subjektivität der Urteile „gut“ und „schlecht“ – d.h. nützlich und schädlich – wird objektiviert. Die falsche – weil die Widersprüche gewaltsam vereinigende – Allgemeinheit erscheint darin als Reich des Absoluten: Gott, das Wahre, das Gute, das Schöne, das Menschliche. [Zusatz: Gestützt durch die Fetische (Geld, Eigentum, Insignien weltlicher sowie spiritueller Macht, die Kulte der Fruchtbarkeit und des rechtschaffenen Mordens) verwandeln die Subjekte ihr Tun in „Geschichte“, ein wahnhaftes Subjekt über ihren Köpfen und Leibern.]

Will ein Mensch innerhalb der herrschenden Zwecke von Sittlichkeit, Recht und Ordnung persönliche Zwecke auffinden, verfolgt er also die herrschenden Zwecke als persönliche (Interesse), entgeht er nicht den Gegensätzen seiner besonderen Gegenstände und Bedürfnisse einerseits, und deren allgemeiner Verfaßtheit andererseits (Bougeois und Citoyen). Will er die gewaltsam versöhnten Seiten in sich selbst zusammenbringen, muß er sie zuvor für sich persönlich auftrennen. Aus diesem Standpunkt erwächst ihm eine gesonderte subjektive Instanz: Moralität und Gewissen.

ad 3

(§1 der Psycho-Broschüre) Die Instanz der Moralität ist der Standpunkt der formellen Individualität: Selbstbewußtsein.
Das Selbstbewußtsein hat keinen anderen Inhalt als das „Ich“ des bedürftigen, erkennenden und tätigen Subjekts, doch wenn ein Mensch sich den allgemeinen Kriterien der Sittlichkeit nicht gegenüber stellt, vom Standpunkt des Unterworfenen, sondern auf dem Standpunkt der Freiheit beharrt, die ihm als Privateigentümer gewährt ist, macht er sich die vorgefundenen Kriterien der Sittlichkeit zu eigen, indem er in allem sein Mittel erkennen, sein Interesse finden will. Aus der Parteilichkeit für sich macht er die Parteilichkeit für die Gebote des Sittlichen und stellt damit die unpersönliche Menschlichkeit, die er vorfindet, als gesonderte Urteilsinstanz über seinen praktischen Willen. Das moralische Subjekt trennt in sich das, was es unmittelbar will und tut – folglich ausgerechnet die praktische Freiheit des tätigen (individuellen) Vermögens und Genießens – von sich ab als das Reich der Begierden, der Notwendigkeit und Bedingtheit (Heteronomie), das für seine eigentliche Subjektivität – die Tugend – nur die Gegenstände der Bewährung liefert (Autonomie, erfolgreicher Anstand).
So übernimmt die Tugend die Kriterien des Gebotenen und weiß sich zugleich unzuständig für sie: Einheit des guten und schlechten Gewissen. Sie ist selbstverantwortlich und findet folglich das Gute und Böse der sittlichen Sphäre unweigerlich in sich vor. Das Absolute wird subjektiviert: Werte. Das Verhältnis der Werte zur Besonderheit schafft Sinn, ein Warum und Wozu jenseits objektiv gültig gemachter Gründe und Zwecke.

Mit der Abwicklung der Widersprüche von Privateigentum, Staat und Familie in seiner gespaltenen Subjektivität gründet das moralische Subjekt auf die Herrschaft, der er sich unterwirft seine persönliche Freiheit. In allem, was es tut und will, ist es vor sich selbst autonom und bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn es merkt, daß diese Autonomie ein Trug ist. Dann hat seine Tugend versagt.
Bürgerliche Subjektivität ist Innerlichkeit. Sie macht Menschen zu Monaden, deren zwei „Fenster“ Empfindsamkeit und Berechnung sind. (Empfindsamkeit deshalb, weil das moralische Subjekt nur die Individualität als Urteilsinstanz kennt: Glaube und Einsicht. So muß es das Gefühl formell zum Richter des Erkennens und Urteilens machen.)

Sozialisierte Moralität ist der Hort autonom verwalteter Herrschaft: Kultur.

 

„TomGard agitiert nicht für ‚Marxismus'“

Vorbemerkung

So titelte ich einen Thread im unterdessen geschliffenen Forum „Polyamore“, anfangs in der Absicht, dem dortigen Publikum eine angezeigte Konzession zu machen. Schon während ich schrieb, merkte ich, dasselbe hätte ich jedem anderen Publikum sagen können, wenn auch, zum Beispiel Gewerkschaftsmitgliedern oder einer Betriebsbelegschaft, mit Schwerpunkten und Themen um die Kategorie „gesellschaftliche Arbeit“ herum. Ich dokumentiere Ausschnitte aus den Fragen und Antworten im Thread

Der Faden:

Marx hat eine „Kritik der politischen Ökonomie“ abgeliefert. Das ist die Analyse und Darstellung eines Zustandes, nämlich Herrschaft (Geltung) des Privateigentums. Gibt es kein Privateigentum, gibt es keine „politische Ökonomie“, sondern einfach Produktionstechnologie und -organisation.
Dieser Zustand bestimmt und durchwirkt das Leben jedes ihm unterstellten Menschen bis in die mentale Bewältigung des privatesten Alltags hinein.

Das weiß jeder! Davon muß ich niemanden überzeugen!

Wie, mit welchen Resultaten und Begleiterscheinungen, die Bestimmung und Durchwirkung der individuellen Leben und des individuellen Geistes unter der Herrschaft des Privateigentums geschieht, das weiß, behauptete Marx und ich mit ihm, kaum jemand; sonst bräuchte es keine „Kritik“.

Die Behauptung der „Kritik“ lautet also: Das Leben der dem Privateigentum Unterworfenen ist ihnen selbst unkenntlich, und weil mit dieser Unkenntlichkeit niemand leben könnte, braucht und gibt es ein System, ja, mehrere Systeme falscher Vorstellungen über die Zusammenhänge, unter denen dies Leben des Privateigentums von den Beteiligten abgewickelt wird.

Die „Kritik der politischen Ökonomie“ ist also genau genommen nicht eine Kritik des Privateigentums, sondern die jener falschen Vorstellungen über es!
(NB: Das Ausrufezeichen steht für die Popularität des Mißverständnisses, ich und meine Mitstreiter wollten die Leut gegen den Kapitalismus aufhetzen, das dann leicht auf die Antwort trifft: Ja, wir wissen schon auch, was das für eine Sch eiße ist, das mußt nicht du uns erzählen, aber … und … aber … denn …blabla. Nein, wir „hetzen“ genau genommen gegen was anderes – siehe unten – und setzen darauf, daß ihr euch dann selbst gegen die Herrschenden aufmantelt.)

Jetzt unterstellt bitte mal für den Moment hypothetisch, die Kritik der politischen Ökonomie sei korrekt, so, wie das jeder verständige Naturwissenschaftler tut, wenn er Annahmen prüft. Dann folgt aus oben Gesagtem, daß die Kritik auch die Individuen an und für sich, nämlich ihre Vorstellungen über sich selbst trifft. Über „sich“ sowohl konkret, als auch allgemein in dem, was an abstrakten Vorstellungen über Individualität, Tüchtigkeit, Tauglichkeit, Geist, Seele, Lebendigkeit, Kommunikation, Liebe u.v.m. im Kurs ist.

Diese Kritik steht nur in sehr grundlegenden Ansätzen im „Kapital“, den „Grundrissen“ und anderen Schriften von Marx und anderen Kritikern der PolÖk. Aus gutem Grund. Es kann sie nur jeder Einzelne für sich selbst leisten. Hinweise in Gestalt der Kritik allgemeiner und abstrakter Vorstellungen, Ideologien etc. mögen helfen, treffen jedoch fast immer nur peripher die Art und Weise, wie Individuen sie hegen und damit umgehen.

Es folgt aber noch ein anderes, nämlich daß jedes Individuum, das jene falschen Vorstellungen hege, auf eine und mehr oder minder persönliche Weise mit deren Kritik unentwegt befaßt sei. Weil sie halt nicht passen; weil sie beständiger Anpassung, Austarierung bedürfen.

Zeit für ein Beispiel. Ein Grundstein der marx’schen Kritik ist die Kritik des Lohnfetisches.

Praktisch gesagt besteht der Lohnfetisch aus der Vorstellung, für den Verkehr der Individuen in der bürgerlichen Gesellschaft seien einerseits eine erbrachte Leistung und andererseits deren Nutzen, also der Umfang, in dem sie oder ihr Produkt als „Gut“ wirke, die letztlich maßgeblichen Kriterien. Weil das sichtbarlich kollidiert, wird der Lohnfetisch um allerlei Vorstellungen ergänzt, warum das dauernd nicht recht paßt, aber diese Vorstellungen – einschließlich der fälligen Gewalttätigkeiten gegen die bösen Kapitalisten, Linken, streikenden Arbeiter, Semiten, Antisemiten, Katholiken, Defizitären, Dummen, Untüchtigen, Verblendeten … haben, solange sie den Lohnfetisch zum Ausgangspunkt behalten, stets ein Sollen, ein Telos, ein Ideal und jede Menge Werte zum Gegenstand und Inhalt, daß es passen möge und wenigstens summa summarum schlecht und recht auch könne.

Ich bleibe noch beim Beispiel:
Eine der auffälligsten Eigenarten von Kit ist, daß sie vom Lohnfetisch und den dazugehörigen Unarten in bemerkenswert geringem Maße infiziert, affiziert ist!
(…) Sofern ich mit dieser Diagnose richtig liege, hat Kit aus Sicht des Kritikers die Kritik in erheblichem Umfang nicht nötig, und zwar deshalb, weil sie in den Punkten, auf die ich anspielte, mit ihr nicht selbst schon befaßt ist. Nicht selbst schon befaßt im Sinne der Anpassung falscher Vorstellungen an die Wirklichkeit!
(NB: @ kit Was ich hier sage, widerspricht nicht dem, worüber wir uns im Hinblick auf „Konstruktivismus“ verständigt haben. Das Privateigentum ist selbst so ein Konstrukt, es hat keine andere Realität, als die, welche Menschen in ihrem Tun setzen. Um DAS zu erkennen, hast Du die „Kritik der politischen Ökonomie“ SEHR WOHL nötig gg)

Coolminx Vorstellung, mir ginge es gleich einer Menge Altlinker um so etwas, wie eine handlungsorientierte Normierung von Vorstellungen zu allgemeinen Wahrheiten über „Kapitalismus“, geht voll daneben! Das ist meine Sache nicht.

Eine Antwort von „Kette“:

Dieser Zustand bestimmt und durchwirkt das Leben jedes ihm unterstellten Menschen bis in die mentale Bewältigung des privatesten Alltags hinein.

Gut, Tom … aber wie tief?
und was bedeutet das existenziell ?
Wo haben wir die Möglichkeit, diesen „Zu-Stand“ zu verlassen,
… hin im MACHEN des Besseren?
Wie >umfassendumfassend< siehst Du den Verblendungszusammenhang?"

Antwort TomGard:

Es kommt nicht darauf an, wie "umfassend" ICH ihn sehe, sondern zum Beispiel DU – denn du entscheidest doch mit, wie umfassend er IST.

TomGard: Antwort auf "Was willst Du unter 'Handlungsorientierte Normierung von Vorstellungen' verstanden wissen?"

Platt hätte ich sagen können: Es geht mir nicht um die Entwicklung oder Verbreitung von Parolen.
Doch die Behauptung meines Ausgangsthreads ging über das platt Politische hinaus:

Die "Kritik der politischen Ökonomie" ist also genau genommen nicht eine Kritik des Privateigentums, sondern die jener falschen Vorstellungen über es!

Die Kritik verstehe ich zwar schon als Praxis, aber sie ist nicht politische Praxis im vollen Sinne. Was ich hier poste befindet sich im Feld zwischen "privat" und "politisch" noch weit im Bereich des Privaten.
Das Blöde ist nur, vor einer solchen Kritik ist unklar, was denn im allgemein genannten Wirkungszusammenhand eigentlich "privat" und "politisch" jeweils umfaßt und auf welche Weise. Dies "Feld" ist eine Parole. Zwar teilen einige im Forum sie und bilden damit eine Front gegen Neoliberale, Astralgleiter und andere, aber sie bleibt auf den Ebenen von Beispielen, Erscheinungen, ungeklärter Semantik. Mir ging es darum, auszusprechen, daß ich weder auf der "privaten", noch auf der "politischen" Seite des Feldes auf Normierungen (Zusammenfassungen) kritischer Ansätze zugunsten einer iwie erfolgversprechenden gemeinsamen (politisch) oder geteilten (privat, "polyamor") Strategie hinzuwirken trachte.

In den "Thesen" benannte ich einen Teil des Wirkungszusammenhangs, in den ich mich mit meinen Postings begebe, schon schärfer (Zitat):

Elementar besteht ein "Wir" aus "Ich" (vielen Ichs) und das "Ich" nährt und reproduziert sich (materiell wie geistig) aus dem "Wir".
Für hier und heute heißt das:
Das "Wir" besteht exakt aus dem bürgerlichen Staat, seinem Recht und der auf ihm basierenden Ökonomie des Privateigentums. AUS NICHTS, ABER AUCH GAR NICHTS ANDEREM. Die privaten "Wir"s, Zweierkisten oder nicht, nähren sich daraus, leben davon, sind, vermittels der Lebensbedürfnisse, private Realisationen dieser Herrschaft. Jedes "Wir", das etwas anderes "meinen" will, als das WIR der Herrschaft die GILT, ist ein WAHN – bestenfalls (gewissermaßen auch schlimmstenfalls) ein süßer Wahn!

Begrifflich: Bürgerliche Subjektivität ist = das im Staat – in dessen gewaltsamer Aufrechterhaltung der Herrschaft des Privateigentums – verfasste Individuum.
Zitat Ende.

Diese Aussage ist offensichtlich, nach Erfahrung jedes Einzelnen, richtig und falsch zugleich. Was ist das einfach Falsche daran? Nun, das verfasste Individuum ist nicht das sinnliche, arbeitende, fressende, f ickende und Kinder kriegende Individuum. Es ist das konkurrierende Individuum, denn alle tauglichen Maßstäbe der Konkurrenz sind verfasst, und es ist nicht das konkurrierende Individuum, denn die Leidenschaft erhält die Konkurrenz von den sinnlichen Subjekten.
Marx: Auftrennung der Individuen in Bourgeois und Citoyen.
Es wäre jedoch zu einfach, dem "Bourgeois" die Sinnlichkeit und dem "Citoyen" die Verfasstheit bzw. "Verhimmelung" zuzuordnen, wie Marx das in der "Judenfrage" allzu grob tat, was sich in späteren "Basis-Überbau"-Schemata wiederfand, von ihm selbst überwunden, von den Exegeten zum Dogma erhoben.
Ich (und Leute der Schule, aus der ich komme) nennen den Bürger "abstraktes Indiviuum" und das Organ seines Handelns und Urteilens den "abstrakt freien Willen".
Jesses, was soll das heißen? Alle meine Beiträge zielen darauf, das aufzuklären. Der Hinweis auf den "Lohnfetisch" in diesem Thread war ein Teil davon. Die Rede über die methodische Verwechslung von Mitteln und Zwecken bzw. Überführung des einen in das andere, ein weiterer Teil.
Nehmen wir ein konkreteres Beispiel:

Die beliebte Eifersucht. „Ewiges“ Thema, oder eher nicht?

Was versucht der Eifersüchtige festzuhalten? Die Liebe? Kann gar nicht sein, sagt Kit dogmatisch, denn so, wie er sie festzuhalten sucht, ist sie nach eigenem, bekundeten Empfinden schon „weg“, bzw. – sagt Kit – war so, wie sie vorgestellt wurde, nie da.

Also geht es nicht um die Sache der „Beziehung“, sondern ihren Titel oder mehrere Titel, die ihr übergeben werden. Das „titelzeugende Individuum“, das da auftritt, ist schon fühlbar „abstrakt“: Es trennt das, worum es ihm geht, von sich ab und hebt es in ein Konstrukt, ein Ideal „der Liebe“ oder auch „nur“ tauglichen Beziehung auf, das üblicherweise aus einem Haufen von Idealen und Werten zusammengestellt ist. Ein „Es“ der Liebe / Beziehung.

Das Ansinnen der Eifersucht gilt folglich nicht dem sinnlichen Subjekt des Partners, sondern ihm als Teil eines gemeinsamen Institutes Liebe/Beziehung , auf das der Eifersüchtige seinen Titel zieht, den er dem Partner als Schuldschein präsentiert.
Diesen Vorgang kann man als „Besitz- und Machtverhältnis“ beschreiben, sofern ihn sich der Angeeiferte gefallen, das Institut der „gemeinsamen Liebe“ über und gegen sich gelten läßt, und sei es nur zum Schein, aus taktischen Motiven.
Doch ist hier schon zu sehen, das ist nur eine Erscheinungsform, und nicht der Inhalt des Vorganges. Das „Besitz- und Machtdenken“ ändert nun mal nicht, daß „Liebe“ nicht zu besitzen ist, und de facto verschaffen die Beteiligten gemeinsam dem privaten Institut „ihrer“ Liebe Geltung über sich, wie fiktiv, aus nichts als gefühlten Bildern bestehend, es auch sei. Aber auch die gemeinsame Unterwerfung ist nur Schein! Denn es ist ja etwas, was allein an ihrer Leistung füreinander hängt, jedenfalls so lange, wie die Sache sich nicht in die konkrete Abhängigkeit gewohnheitsmäßiger Lebensführung und Einrichtung in deren Inventaren verfestigt hat. Ist das geschehen, ist „Eifersucht“ selten ein virulentes Thema, dann verfahren die Leut gern nach dem Motto „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß …“

Was ist also der Inhalt (und also „Wirklichkeit“ im Ggs. zum „Schein“?
„Eigentlich“ höchst einfach zu sehen:
Das bürgerliche Individuum ist von Staat und Kapital derart ver-rückt verfasst, daß es gezwungen ist, sein gesellschaftliches Leben als Zubehör eines Privatlebens abzuwickeln. Statt umgekehrt ihre Individualität in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einzubringen und darin zu entwickeln, müssen die Leut einander wechselseitig zum Zubehör ihres Privatlebens machen. Warum? Weil in dieser Verlaufsform alle Individuen zusammen das lebende Inventar des über ihnen errichteten, als Herrschaft wie Sachzwang wirkenden gesellschaftlichen Zusammenhangs bilden. Das wechselseitige Zubehörverhältnis ist eine Realisation des Sachverhaltes, daß sie alle zusammen als Subjekte des Staates, als vereinzelte Einzelne, deren Willen zur Unterwerfung geschult und ins Recht gesetzt ist, das Zubehör des Lebens der Sachen bilden, welche Privateigentum sind. Dazu gehört übrigens auf dem Lande maßgeblich das ererbte und vererblicjhe Eigenheim, das deswegen seit einigen Generationen genau für eine Kleinfamilie taugt. Das zählt zum aktuellen Stand der Unterwerfung der Reproduktion unter die Erhaltung und Akkumulation des Privateigentums, die einst als offene Sklaverei der Frauen für die „Patriarchen“ angehoben haben mag. Heute ist der „Motor“ der Monogamie nicht mehr der rurale Kleinbesitz und nur noch bedingt das Eigentum an der Arbeitskraft, sondern die Überschaubarkeit paarweiser Verträge und ihre handliche Einklagbarkeit, Erpressungstitel eingeschlossen. Je hinfälliger die Erpressungstitel werden, je unkalkulierbarer die Vertragsschicksale, desto verbreiteter das Bedürfnis, monogame Verpaarung über die „Ausnahmen“ der Promiskuität hinaus auf Mehrsamkeit auszudehnen.

Der emotionale Impuls der Eifersucht ist mithin ein Zugehörigkeitsstreben, kein Besitzstreben! Das Besitzstreben ist nur die der Konkurrenz entnommene Verlaufsform des erzwungenen Strebens nach Zugehörigkeit.
Um Mißverständnisse zu vermeiden:
Eifersucht in Gestalt von Neid, Mißgunst, verletzter Eitelkeit oder auch in Gestalt kriegerischer Buhlschaft und ähnlichem sind andere Nummern, die zwar in der bürgerlichen Gesellschaft Bestandteile der Eifersucht bleiben, gewöhnlich aber darin untergeordnete Bestandteile bleiben, falls die Sache nicht pathologisch „giftig“ wird)

Organ jener Eifersucht ist der „abstrakt freie Wille“ in Gestalt der Gefühle, in welchen er die sinnlichen Bedürfnisse mit den Anforderungen der Verfasstheit bürgerlicher Individualität vermittelt. Diese Vermittlung ist allein der persönlichen (Selbst)-Kritik zugänglich, die andererseits an den Voraussetzungen und Nöten der Schei ße kein Jota ändert. Was sie möglicherweise für die Beteiligten ändert oder ändern kann, lasse ich jetzt beiseite. Wie mit den Resultaten der persönlichen Kritik zu verfahren ist, bleibt so lang im Reich des privaten Zurechtkommens mit der Schei ße, als nicht Leute aufgrund von Gemeinsamkeiten und Beschlüssen, die nicht Gegenstand in diesem Forum sein können, eine nennenswerte organisierte Revolutionäre gebildet haben.

Mein Grund, hier zu sein, war – ich sage es gern noch mal – Kit. Der Mensch hinter dem Avatar. Nebst dem Wissen, daß ein Angriff auf das Privateigentum nichts taugt, wenn er nicht einen Angriff auf das „Patriarchat“ einschließt.

Eine Frage von P.

Je hinfälliger die Erpressungstitel werden, je unkalkulierbarer die Vertragsschicksale, desto verbreiteter das Bedürfnis, monogame Verpaarung über die „Ausnahmen“ der Promiskuität hinaus auf Mehrsamkeit auszudehnen.

das mit der Mehrsamkeit am Ende verstehe ich nicht.

Antwort:

Ich wollte in dem Satz erinnern, daß Ehen, Beziehungen im Geiste monogamer Liebe durchaus in erheblichem Umfang Mehrsamkeit einschließen. Man hat gemeinsame Freunde, hüpft auch mal mit deren Gesponsen in die Kiste, schläft gelegentlich mit Schwagern und Schwägerinnen, man geht fremd mit oder ohne Wissen des Partners, teils wird dies stumm, teils ausdrücklich toleriert, solange einer die Beziehung nicht in Gefahr sieht, sich für sexuell vernachlässigt erklärt etc.pp. Je gewichtiger die Motive der Zu- und Zusammengehörigkeit sowohl im Ausgangspunkt wie der Geschichte der Beziehungen, desto klarer wird in Haupt- und Nebensache geschieden. Das hat stets die doppelte Dimension materieller und ideeller Bindungen, ja, in der Geschichte der Beziehungen werden materielle in ideelle überführt und umgekehrt, Kinder als Hauptmittel darin.

Die angedeuteten Fortschritte in der Disponibilität der Arbeitskraft und deren Schicksalen wird von den Leuten neben den Lasten, die sie tragen, gern als Zuwachs an „Freiheit“ aufgenommen, insbesondere wenn sie jung sind und auf ihre Kräfte vertrauen. Zugleich werden bei fortschreitender Verarmung und der Umschichtung in den Reproduktionskosten die „Netzwerke“ immer unverzichtbarer. Hilfe bei der Kinderversorgung, Vetternwirtschaft bei der Jobvergabe, Schwarzarbeit und manches mehr. Die jährliche Urlaubsreise zu zweit, einst ein fester moralischer Lohnbestandteil der deutschen, ist zum Luxus geworden, man vergnügt sich daheim.
Zugleich ist strukturelle Arbeitslosigkeit für viele zum Bestandteil der Jobkarrieren geworden, Fortbildung, Weiterbildung, Mobilität im Nah- und Fernbereich. Ist die Armut insgesamt gewachsen, so ist doch die relative Armut der Frauen gegenüber den Männern vermindert, im ersten Schritt schon im Anteil der Frauenarbeit. „Alleinerziehende Mutter“ ist zum eigenen, wenn auch schlecht bezahlten Berufsstand geworden.

Kurzum: „auf mehreren Hochzeiten tanzen“ zu wollen und zu können ist vielfach motiviert zum gemeinsamen Bedürfnis von Partnern geworden und statt um die alten, teilweise verdeckten Formen von Mehrsamkeit und Promiskuität als erlaubte oder geduldete Ausnahme zu konkurrieren, konkurriert man nun eher um die Beiderseitigkeit des Einschlußes dieser Formen, die darob innerlich wie äußerlich umgebaut werden.
Polyamorie …

Frage:

Haette sich denn in den Laendern des ehemaligen Ostblocks, in der Periode des fehlenden Privateigentums, nicht irgendwas Interessantes, und sei es noch so klitzeklein, in den Koepfen der Menschen dort entwickeln muessen, und wenn ja, warum weiss ich nichts davon?
Keine Provokation – ik schwoer!

Antwort:

Die Frage ist einer kleinen Bibliothek würdig, nicht wahr?

Jawoll, es hatte sich durchaus was getan.
Doch zunächst ein paar Bemerkungen zu den Voraussetzungen.

Das Privateigentum gab’s nicht mehr, aber der sozialistische Volks(!)staat setzte sich als ein ideeeller Gesamtproduzent an die Stelle des vormaligen ideellen Gesamtkapitalisten.

Hier muß ich schon wieder was einschieben: Die Geschichte des „realen Sozialismus“ ist von gänzlich anderer Natur, als die des Kapitalismus, die eine des Weltmarktes und ihrer sachlichen Gestalten ist, nämlich Kapital in all seinen Erscheinungsformen (incl. „Arbeitsvolk“), Nationen (mehr oder minder imperialistische), Kredit (Geld, Währung, Nationalkredit). Im Vergleich ist in der „sozialistischen Welt“ die Geschichte und Gestaltung der Sowjetunion ein anderes Ding, als z.b. die der DDR.

Ich beziehe mich im folgenden auf die DDR, weil uns das noch einigermaßen nahe ist.
Der sozialistische Volksstaat der DDR war gewissermaßen eine eigennützige Dienstleistung der SU als der sozialistischen Siegermacht an den Besiegten. Diese „Dienstleistung“ ist anfangs von einer außerordentlich großen und einflußreichen Minderheit begrüßt worden. !Minderheit!, werden jetzt die Antikommunisten rufen … jawohl, Minderheit. Die Mehrheit der Leute, die als Insassen eines kapitalistischen und immerhin länger als zehn Jahre faschistischen Staatswesens sozialisiert waren taten halt das, was sie gelernt hatten: Sie unterwarfen sich, versuchten ein Maximum an privaten Vorteilen aus der Lage zu ziehen und den Zumutungen so gut es ging und man sie ließ, aus dem Wege zu gehen. Sie blieben Staatsbürger, das moderne Sklavenvolk mit Leib und Seele …

Nachdem der US – Imperialismus nach einigem Eiern und Zögern seine Globalstrategie ab 1948 / 49 klargestellt hatte, und damit weltpolitisch dem Nationalismus stalinscher Prägung „Recht“ gegeben hatte, gab es keinen Spielraum mehr, die volkssozialistische Staatskonstruktion kommunistisch aufzuweichen und zu -dröseln.

Dieser Volkssozialismus setzte Mittel der Kapitalakkumulation in Gestalt „ökonomischer Hebel“ für die Akkumulation eines volksstaatlichen Reichtums ein und damit schuf er er auf allen gesellschaftlichen Ebenen Derivate der Institute des Privateigentum, einschließlich einer, gleichwohl sozialstaatlich gemäßigten, privaten Konkurrenz um Anteile an diesem Staatsreichtum. Die Scheidung in „Privatleben“ und „öffentliches Leben“ wurde nicht nur beibehalten, sie wurde vielfach verschärft, weil Dienste und Beteiligungen am volkssozialistischen Programm mit erheblichem herrschaftlichen Nachdruck zur staatsmoralischen Pflicht institutionalisiert wurde.

Im Hinblick auf die vorliegende Fragestellung könnte man den bedeutsamsten Unterschied zwischen einem sozialistischen und einem kapitalistischen Staatsbürger so zusammenfassen: Der kapitalistische Bürger erhält den Auftrag: „Bereichere Dich mit den Mitteln, die Du hast und Dir erwerben kannst in den Grenzen des Rechtes und der Sonderaufträge (Steuern, Kriegsdienst), die WIR, als SOUVERÄN dieser Gesellschaft Dir dafür setzen.“
Der sozialistische Bürger bekam den Auftrag: „Richte Dich um den Preis der Unterwerfung unter die von uns, der Hoheit des VOLKES, erteilten Aufträge, und nach MASSGABE ihrer Erfüllung durch Dich, das „Volk“, bestmöglich und bequem in dem Privatleben ein, daß WIR Dir zugestehen und ausstatten wollen.“

Das sozialistische Staatswesen setzte, um es in einem Satz zu sagen, auf Kleinbürgerlichkeit als staatstragende Tugend. Obwohl ein gar nicht belangloser Teil seines Personals, Sozialisten, Kommunisten und freigeistig Gesinnte, die kleinbürgerlichen Tugenden und Loyalitäten hinter sich ließ und auch dafür warb, das zu tun.

Dies Programm schloß ein, auch das Institut der monogamen Ehe als „sozialistische Produktivkraft“ einzurichten, zuvörderst durch eine beispiellose Anstrengung zur Eingliederung der Frauen in alle Ebenen der Arbeitsprozesse. Der sozialistische Staat setzte es mit eigentlich überaus erstaunlichem Erfolg ins Werk, auf der Basis der dem kapitlistischen Muster folgenden Einrichtung eines Erwerbslebens mit angegliedertem Privatleben eine gleichartige und in vieler Hinsicht gnädigere Verwandlung von Lebenszeit in Arbeitszeit zu inszenieren, mit deren Erträgen eine Staatsakkumulation zustande kam, die immerhin eine hochmoderne Armee lieferte und trug …

Doch die private Konkurrenz, die er dafür einrichtete, hatte in ihren Mitteln und ihrer sozial- und volksstaatlichen „Erdung“ einen durchaus anderen Charakter, als das analoge Institut des Kapitalismus.

Die privaten Vermittlungen und Verwicklungen thematisiere ich jetzt nicht im Einzelnen, sondern schließe einstweilen mit Resultaten ab, für die es freilich so gut wie keine empirisch – soziologischen Daten gibt.

Das staatssozialistische Patriarchat setzte in der Sittlichkeit, die es rechtsförmlich sowie in Gestalt der gelenkten öffentlichen Meinung ins Recht setzte, zunächst auf die hergebrachte christliche Ethik seines Staatsvolkes. Erst das Regime Honecker ließ das kulturell „bröckeln“ – Stückchen für Stückchen. Doch unter dem Mantel dieser öffentlichen und veröffentlichten, sozialistisch „gewendeten“ Volkssitte, wandelte sich ein erheblicher Teil der „realen“ Sttlichkeit nicht unbeträchtlich. Die „Ehe“ mutierte teilweise früher, als im Frühling westlicher Revolten gegen die hergebrachte patriarchalische Sittlichkeit, zur Vertragsehe. Der „shift“, der im Ersatz einer von christlichen Traditionen geprägten Konkurrenzmoral durch eine volkssozialistische Staatsmoral lag, erlaubte und ernötigte eine Art „romantischen Realismus“ in den Beziehungen. Man setzte sehr wohl auf die Bindungskräfte der Liebe, aber weniger rassistisch, als im Westen. An die Stelle von Erwartungen an eine ideelle Liebestauglichkeit der Subjekte rückten einerseits die erzwungenen Bedürfnisse und Ansprüche an die sachlichen Bestandteile einer gemeinsamen häuslichen Reproduktion, andererseits ein „Spaßfaktor“ und gar nicht wenig intellektuelle Ansprüche an die Partner. Denn der Sozialismus blieb in seinem Angebot an Gelegenheiten und Objekten der Ersatzbefriedigungen knauserig, mit einer Ausnahme: einem wahrscheinlich weltweit einzigartig reichhaltigen Angebot an bildungsbürgerliche Kulturbedürfnisse, wenn auch in den Schranken der sozialistischen Staatmoral und seiner Zensur.

Promiskuität war und blieb Privatsache. Darüber wurde nicht geredet, es wurde gemacht – frei nach den Wünschen der Beteiligten und in Grenzen, die nur sie einander setzten. Was in den Schlafzimmern geschah, hatte in den Grenzen geltenden Rechtes niemanden außer den Beteiligten etwas anzugehen. Darunter fiel auch Prostitution, solange sie nicht öffentlich auffiel.
Die Absetzbewegungen der Nachkriegsgenerationen von der Gerontokratie der Partei- und Staatshierarchien taten ein Übriges, die Sexualmoral außerhalb des öffentlichen Raumes zu lockern und dazu trugen maßgeblich die Frauen bei, die es materiell nicht mehr nötig hatten, sich den Traditionen und darauf bauenden männlichen Ansprüchen zu fügen. Der Mann hatte sich im Bett als einer zu erweisen, der was taugte, auf welche Weise immer, andernfalls wurde er ausgetauscht. (…)

Antwort von P.:

In p’s Worten klaenge das so: Hmm, logo! Wenn deine Pussy kein Kapital mehr ist das du an den Hoechstbietenden zu verscherbeln trachtest, dann kannst Du dir bestimmte Freizuegigkeiten natuerlich erlauben.

Na, p., ich glaube, das hieße das Lob etwas zu weit treiben, obwohl die Tendenz sicherlich stimmt. Unter den Studentinnen, die ich zwischen 1987 bis 90 in Leipzig und Dresden kennenlernte, fand sich keine einzige, die das einschlägige Hurengebaren oder halt die negative Variante, die züchtige Bewirtschaftung ihrer Reize und ihrer Gunst ‚drauf hatte. Sie ähnelten in mancher Hinsicht eher Jungs ohne deren Verklemmtheit.
[edit: Haltet den Dieb, jetzt hat TomGard idealisiert – auf der Basis der Auswahl persönlicher Bekanntschaften. Da gabs auch – und zwar mächtig verbreitet, ganz anders, als im Westen – den „Weibchen-Typ“, allerdings einen durchaus eigenen Typus „sozialistischer Hausweiblichkeit“. )

Andererseits war für die Frauen, auch und gerade für die Intellektuellen (ua. auch weil die in vielen Berufen / Beschäftigungen nicht besonders gut verdienten) die „ernste“ Partnerwahl eine „Lebensentscheidung“ nach fast altväterlicher Sitte – nur eben mit der Einschränkung, daß sie dabei über nahezu dieselben Ressourcen wie die Männer verfügten und eine Revision der Entscheidung nicht so schwerwiegende Konsequenzen hatte, wie für viele im Westen.