Revue Archiv

Zur Verselbständigung der US-Generalität gegenüber dem Weißen Haus:

US-Rückzug aus Syrien – für die letzte vergleichbare Entscheidung wurde der POTUS gelyncht

(Archiv, Dez. 2018)

Q: Would our involvement in Vietnam have taken a different course if Kennedy had lived?

A: When Kennedy took office you will recall that he won the election because he claimed that the Eisenhower administration had been weak on communism and weak in the treatment of Castro and so forth. So the first thing Kennedy did was to send a couple of men to Vietnam to survey the situation. They came back with the recommendation that the military assistance group be increased from 800 to 25,000. That was the start of our involvement. Kennedy, I believe, realized he’d made a mistake because 25,000 U.S. military in a country such as South Vietnam means that the responsibility for the war flows to [the U.S. military] and out of the hands of the South Vietnamese. So Kennedy, in the weeks prior to his death, realized that we had gone overboard and actually was in the process of withdrawing when he was killed and Johnson took over.

Q: So you really believe Kennedy would have made a difference?

A: Very much so.

(CIA-Direktor John McCone im Interview.)
McCone verschwieg, daß JFK nicht den Krieg scheute, sondern die Verteidigung der korrupten und bestialischen Kompradorenbougeoisie Vietnams , über die ihn seine persönlichen Gesandten aufgeklärt hatten, für aussichtslos und ein Verbrechen hielt. Drei Wochen vor Kennedys Ermordung durch die CIA hatte der vietnamesische Armeegeneral Dương Văn Minh mit Unterstützung der Kennedy-Administration die Terrorherrschaft Ngo Dinh Diems beendet (Siehe Oral Report of Ambassador Frederick Nolting Jr.   ). Die Militärjunta hing nach dem Mord in der Luft und wurde wenige Wochen später auf Betreiben des State Department und des Pentagon von Generalmajor Nguyễn Khánh beseitigt, einem Karrieristen im Dienste der US-Kriegsfraktion, den die Junta Minhs wohlweislich aus Saigon entfernt hatte. Präsident Johnson hielt sich aus diesen Machenschaften heraus, um einen Sturz der Regierung über den Verdacht zu vermeiden, er sei in das Komplott gegen Kennedy verwickelt gewesen. Zwölf Jahre später endete der Vietnamkrieg mit dem Resultat, das JFK für unvermeidlich gehalten hatte – allerdings zum Preis einiger Millionen hingeschlachteter „Gooks“, asiatischen „Untermenschen“, und der Verwüstung des halben Subkontinents.

Obwohl Trump’s Befehl zum Rückzug aus dem Syrienkrieg voraussichtlich hintertrieben wird, beschreibt Gareth Porter ihn mit Recht als eine historische Entscheidung.

Es wird keinen „vollständigen Abzug“ der US-Truppen aus Syrien geben (21.12.’18)

Donald Trumps Verfügung ist vorerst eine Kampfansage an innen- und außenpolitische Gegner

Es gibt keinen Zeitplan für den Abzug, dessen Logistik Pentagon und CENTCOM vor Aufgaben stellt, die nicht trivial sind.

The Pentagon, roiled first by the surprise withdrawal order from Trump and then the abrupt resignation of Mattis, offered no information about how the withdrawal will happen or how long it will take, apparently because they don’t know.
Two officials speaking on condition of anonymity to discuss internal planning said Gen. Joseph Votel, head of U.S. Central Command, will submit a comprehensive withdrawal plan to top Pentagon officials in coming days.


NYT

Der Absatz dokumentiert das Ausmaß der Insubordination, der Trump im Pentagon gegenüber stand, denn seine Entscheidung zum Rückzug der Truppen nach Abschluß der Kämpfe im Raum Deir Ezzor war bereits im April gefallen und verkündet. Daher entnehmen wir dem Zitat, der Beschluß des Präsidenten, den passiven Widerstand der Truppe gegen den Rückzug mit einer direkten Verfügung zu brechen, zielte in erster Linie darauf, James Mattis und seine Gefolgschaft im Pentagon von einigen ihrer Machthebel zu verdrängen. Inwieweit Mattis Amtsverzicht ein Erfolg oder ein Pyrrhussieg an dieser Front der Trump’schen Selbstbehauptung sein wird, bleibt abzuwarten. In welchem Zeitraum und in welchem Umfang die Direktive zum Abzug tatsächlich umgesetzt werden wird, ist folglich ein sekundärer Vorgang in einem übergeordneten Kräftemessen.

Dies Kräftemessen umfasst auch das diplomatische Corps und alle Abteilungen des Geheimdienstapparates, denn die amerikanischen Truppen in Syrien unterstehen dem Pentagon nur auf operativer Ebene, auf diplomatischer und militärpolitischer Ebene unterstehen sie dem State Department, das für die „Operation Inherent Resolve“, in deren Rahmen die US-Truppen disloziert sind, sowohl direkt wie mittelbar zuständig ist – mittelbar über die NATO, die seit letztem Jahr der OIR als selbständige Körperschaft angehört. Trump könnte folglich einen kompletten Rückzug der Truppen aus Nordsyrien nur dann aus eigener Autorität gebieten, wenn er die amerikanische Beteiligung an und Führung der OIR beendet. Es gibt vorerst kein Anzeichen, daß er eine solche Eskalation des innenpolitischen Konflikts auf internationaler Ebene beabsichtigt, im Gegenteil. Seine Sprecherin Sanders hat betont, die Truppen könnten und würden jederzeit nach Syrien zurück kehren, wenn US-Interessen das geböten. Auf diesen Hintergrund spielt die NYT u.a. in folgendem Absatz an:

Defense officials said U.S. airstrikes would continue until all the approximately 2,000 U.S. troops are out of Syria, but it was unclear whether the air campaign would then end. Officials said it might depend on whether France and other coalition partners keep ground troops in Syria after the Americans leave. A continued presence of allied troops working with local Syrians might compel the U.S. to contribute air cover.

DITO

Lindsey Graham, einem prominenten republikanischen Kritiker des Rückzugbefehls, antwortete Trump:

„So hard to believe that Lindsey Graham would be against saving soldier lives & billions of $$$. Why are we fighting for our enemy, Syria, by staying & killing ISIS for them Russia, Iran & other locals?“

TWEET VON TRUMP

Das heißt im Umkehrschluß, wenn amerikanische Alliierte – nicht Feinde! – in OIR sich weiterhin die Hände an ISIS blutig machen wollen, zwar mit dem Effekt einer Entlastung Syriens, Russlands, Irans und „lokaler Kräfte“, aber nicht mit diesem Ziel, so ist dies eine andere Angelegenheit, Gegenstand von Kalkülen amerikanischer Interessen im Umgang mit diesen Alliierten. Und für dieses Verhältnis ist die „Linie“ Trumps klar und unmißverständlich: Sie sollen mehr Einsatz zugunsten ihrer Führungsmacht zeigen, als bisher. Ein amerikanischer Rückzug von OIR steht folglich nicht zur Debatte.
Es ist auch nicht zu sehen, warum Trumps Direktive die Ausbildungsmissionen des Pentagon in Nordsyrien tangieren sollten und noch weniger kommt in Frage, sämtliche in den letzten zwei Jahren errichtete US-Basen in Syrien zu schleifen, wenn die Option offen bleiben soll, ggf. zurück zu kehren. Folglich:

Es wird keinen vollständigen amerikanischen Truppenabzug aus Nordsyrien geben

Mindestens die drei großen Flugfeldbasen (Kobane, Quamishli, Tabaqa) werden erhalten bleiben, möglicherweise auch Al Tanf, die Ausbildungsmission wird in irgend einem Umfang weiter gehen, daher wohl auch ein Teil des Waffenarsenals (bes. Spähpanzer u.ä) und selbstredend wird es weiter ein Kontingent an Special Forces geben, das im Minimum die Aufgabe behält, Ziele für die alliierten Luftwaffen auszuspähen und zu markieren.

In Frankreich und in der Türkei ist man sich darüber im Klaren.

Wie die NATO die Türkei gegen das Weiße Haus mobilisierte:

Aktuell – Kreml schürt ergebnisoffen Konflikt zwischen NATO und Weißem Haus

Das Bild (entfernt) zeigt einen Screenshot aus einem Ruptly-Video, das den gestrigen Einmarsch frischer türkischer Truppen über die syrische Grenze bei Jarabulus dokumentieren soll. Parallel behauptet Daily Sabah, Einheiten türkischer Söldner marschierten zum Angriff auf die Waffenruhelinie des Bezirks Manbij, an der nach Mitteilung eines Sprechers der OIR weiterhin amerikanische und französische Einheiten patrouillieren. Der – angebliche – Auftrag der türkischen Truppen, Erdogan zufolge: „Der YPG eine Lektion erteilen.“ All dies geschah vor dem Eintreffen des türkischen Generalstabschefs und des Direktors des Geheimdienstes in Moskau zu Lagegesprächen.

Voraus gegangen war die anmaßende Lüge des Oberkommandos der syrischen Armee, sie habe auf Bitten der SDF ihre Fahne in Manbij gehißt, die Hoheit über den Bezirk übernommen und werde alle aktuellen Bewohner – also die NATO-Truppen eingeschlossen – gegen Eindringlinge verteidigen. Die Provokation wurde von Falken im US-Senat umgehend als „ultimate Katastrophe“ der Politik des Weißen Hauses gefeiert.

Tatsächlich hat nach Meldungen von Gewährsleuten vor Ort eine unbedeutende Vorhut syrischer Truppen westlich der Stadt Manbij Stellung bezogen, abseits der kritischen Frontabschnitte im Nordwesten des Bezirks. Debka goß Öl mit der offenbar gelogenen Meldung ins Feuer, diese Truppen würden von russischen Einheiten begleitet. Kreml-Sprecher Peskov „begrüßte“ stattdessen die syrische Prahlerei ohne Richtigstellung.

Mir scheint ziemlich klar, was vorgeht. Die türkische Armee schickt eine unbedeutende Zahl FSA-„Kavalleristen“ auf bewaffneten Toyotas vor, eine Einkreisung der Stadt Manbij anzusetzen, um die Entschlossenheit sowohl der SDF wie die französischen und amerikanischen OIR-Truppen darauf zu testen, ob sie vor den Augen der politischen Öffentlichkeit ein blutiges Scharmützel zwischen NATO-Stellvertretern riskieren wollen 1. Dem Kreml läßt Erdogan die Rolle, sich in einem gesichtswahrenden Kommuniqué einen vorläufigen Rückzug der türkischen Truppen nach diesem Testlauf – wie immer er ausgehe – auf die diplomatischen Fahnen zu schreiben. Falls nicht irgend eine Seite ausrastet, womit nach langjährigen Erfahrungen der Beteiligten mit ähnlichen blutigen Manövern kaum zu rechnen ist, ist das Resultat gewiß, wie immer der Verlauf:
Der türkische Herrschaftsanspruch über Nordsyrien wird zu einer mit mehr oder weniger Blut besiegelten Verhandlungsmasse der NATO gegenüber Ordnungsansprüchen Washingtons und Brüssels.


  1. Scharmützel dieser Art hat es seit Ende 2012 immer wieder gegeben, aber sie wurden vom diplomatischen Parkett fern gehalten. 

„Ulkiges“ von einem „linken“ Sinnstifter

Zu „Die Überwindung des Individualismus„, 09. Januar 2022,  Meinhard Creydt

Bislang erinnerte mich der Meinhard lebhaft an Hannah Arendts Bericht über die geistige und mentale Anpassung an die „neuen Zeiten“, die sie vor ihrer Emigration bei einem großen Teil ihrer Bekannten und Freunde erlebte, namentlich beim Heidegger-Martin.

‚Die kamen plötzlich auf die ulkigsten Ideen!‘ erzählte sie sinngemäß dem Aust-Stefan, drei Generationen ist das her. Zählen Creydts „Höhenflüge“ noch zu dieser Kategorie aufsteigender Thermiken, in denen Geier schweben, die sich für Kondore halten wollen?
Diese Frage kommt mir in den Sinn, weil der Meinhard zu Beginn das Allernötigste, aber auch nicht weniger als das, zum „Individualismus“ erzählt. Es sei das („gesellschaftliche“) Dasein von Individuen, das der gewalttätigen Formierung in einem Gemeinwesen des Geldes, einer „Welt“ von Staat und Kapital unterliege und sich darin bewege.
Doch dann löst er diese elementare Wahrheit und Erklärung des bürgerlichen Individuums gemäß den zu dieser Verfasstheit gehörigen Ideologemen wieder auf, deren übergeordnetes Prinzip man darin zusammen fassen kann, daß den Individuen ein Ethos anerfunden wird, das etwas anderes und Gesondertes sein soll, als dies eben genannte unmittelbare gesellschaftliche Dasein, vermittelt in den mentalen Zustandsgleichungen der Bewegungsräume, in die ein Individuum eingehegt ist, und folglich sich hegt und pflegt.

Der Trennung und vermeintlichen Gegensätzlichkeit von „Individuum und Gesellschaft“, die das Leib- und Magenthema eines Pubers darstellt, der vom Ehrgeiz affiziert ist, ein „Intellektueller“ zu werden, und deshalb das Hauptthema eines großen Teils der „Intellektuellen“ bis zu ihrem Tode bleibt, gibt Creyd anschließend mit Hilfe berufener Kollegen aus der sozialpsychoklemptnernden Branche eine neue verbale Darreichungsform, die furchtbar anspruchsvoll daher kommt und kommen soll.
Aber der Widerspruch dieses Verfahrens ist derart schreiend, daß ich mich mit Hannah Ahrendt frage, ob und wie man das ernstlich von einer zielbewußten Anpassung an einen faschistischen Zeitgeist noch unterscheiden (können) sollte.
Denn wenn jemand, wie oben zum Begriff des „Ethos“ schematisch vorgestellt, die Unmittelbarkeit des Daseins von Individuen in eine „Mittelbarkeit“ von mentaler und gewalttätiger (polizeilicher, staatlicher) Verfasstheit trennt, ohne die gewalttätige Vermittlung beider Seiten zu benennen und zweckmäßig zum Thema zu machen, dann bleibt „Trennung und Gegensatz“ von „Individuum und Gesellschaft“ – wiederum schematisch gesagt – genau so erhalten, wie sie im Bürgertum vorliegt, als Verdopplung der Individuen in „bourgeois“ und „citoyen“, also konkret in der praktischen Überführung des Individuums in eine „himmlische“ (Karl Marx) Identität, die des Staatsbürgers, und daher des Staates selbst, in der Gestalt einer „Verselbständigung des abstrakt freien Willens“ (Hegel, Karl Held).

Die Verklausulierung in „Treuhänderschaft“ ändert daran gar nichts, entspricht aber im Resultat demselben Trumm, das die Nationalsozialisten als angeblich überwältigte und überformte „Natur“ eines Volksgenossen frei zu legen wünschten.