TG in TP

Kunst, Moral, Ethik (26.10.’16)

http://www.heise.de/tp/artikel/49/49772/1.html, https://www.heise.de/tp/artikel/49/49775/1.html

Sie haben zum Ende des ersten Teils dieser Serie auf einen Zeit-Artikel des Bundesrichters Thomas Fischer verwiesen:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-10/ard-fernsehen-terror-ferdinand-von-schirach-fischer-im-recht
Fischer, so viel will ich vorweg nehmen, hat da eine [i]Kritik [/i]an der Schirach’schen [b]Inszenierung [/b] mit einer [i]juristischen Richtigstellung[/i] verbunden. Warum haben Sie beschlossen, diese fachliche Kritik an Kategorien, welche die Inszenierung in Anspruch nimmt, und an der Weise ihrer Verwendung, komplett zu ignorieren?

Zusatzfragen:
Mit professioneller Trennschärfe bemerkte Fischer eingangs seiner Kritik:
[quote]Eine Bemerkung zum Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit: Ja, es stimmt, Kunst ist eine Wirklichkeit sui generis.
[/quote] Auch Sie haben – semantisch gesprochen – diese Unterscheidung getroffen:
[quote]Mit diesem emotionalen Konflikt, dass alle verfügbaren Alternativen Menschenleben kosten, spielen natürlich sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die moralisches Urteilen untersuchen, als auch der Dramatiker von Schirach.[/quote] Doch drei Sätze weiter nehmen Sie sie, zumindest aus der Sicht eines Logikers, zurück: [quote]Hier wurden die psychologischen, moralphilosophischen und rechtswissenschaftlichen Fragen voneinander unterschieden. [/quote] Nein, wenn Sie sich an das eigene Urteil halten, dann hätten Sie [i]allenfalls [/i]“psychologische, moralphilosophische und rechtswissenschaftliche“ [i]Vorstellungen [/i]und [i]Reminiszenzen [/i]in den besprochenen [b]Inszenierungen [/b]- einschließlich der „Experimente“, auf die Sie sich berufen haben – unterschieden, obwohl ich gestehe, nach dreimaligem Absuchen Ihres Textes mit der Lupe nicht entdeckt zu haben, wie und wo Sie das eine oder andere getan haben wollen.
Es sei denn … Ihnen, Herr Schleim, sei während der Abfassung Ihres Artikels tatsächlich [i]entgangen [/i], daß eine Inszenierung an der Bühnenkante zum Zuschauerraum, an der äußeren Bildschirmfläche [i]nicht [/i]endet und daß sich Zuschauer als ein Teil der Inszenierung [b]wissen [/b]- im scharfen Unterschied zu „sich als ein solcher Teil [i]kennen[/i]“, das ist eine andere Nummer – obwohl Sie doch just auch das benannt haben, ich erinnere:
[quote]Mit diesem emotionalen Konflikt (…) [b]spielen [/b][die Regisseure und experimentelles Design][/quote] Muß ich daraus schließen, Sie wissen nicht, daß an jedem Spiel, am [i]Durchspielen [/i]einer Inszenierung, immer alle Teilnehmer teil [i]nehmen[/i]? Fallen Sie, Herr Schleim, als Experimentator bzw. während der „wissenschaftlichen“ Auswertung von Spielen hinter das Bewußtsein eines Teilnehmers mit einem IQ >70 zurück, Teil einer Inszenierung zu sein und eine Rolle zu spielen und spielen zu [b]sollen [/b]- oder den Spielort verlassen, alternativ die Figuren umwerfen zu [b]müssen[/b]?

Sind Menschen für Sie dasselbe, wie Ratten, Herr Schleim?

Einen Eigenkommentar will ich anschließen.
In der o.zit. Kritik hat Herr Fischer ausführlich zwischen Rechtsnormen, Rechtsauffassungen und Rechtslegung („Buchstaben des Gesetzes“) in der Wirklichkeit [i]einerseits [/i]und in Inszenierungen [i]andererseits [/i]unterschieden, und das gelang ihm naturgemäß mit einer Unterscheidung zwischen Recht und Rechtswidrigkeit, Moral und sogar Ethik – obwohl er letztere Bezeichnung nicht verwendet. Leider ist seine Darstellung unsystematisch und polemisch zerstreut – statt polemisch zugespitzt – sodaß mancher Leser Mühe haben wird, den Text ernst zu nehmen und zur Gänze zur Kenntnis zu nehmen. Ich zitiere Fischers Fazit:
[quote]Das ist das Infame an der Schirach’schen „Ungenauigkeit“: Indem er den Staat gleichsetzt mit dem armen moralischen Würstchen auf der Anklagebank, verniedlicht er den Leviathan der Gewalt und macht zugleich den Menschen und Bürger Koch zum Objekt staatlicher Gewalt[/quote] Letzterem widerspreche ich, denn [i]Objekt [/i]wird das Würstchen nur [i]formell[/i], [i]inszenatorisch[/i], nämlich Objekt einer [b]Befehlsgebung[/b], als das er zum Subjekt des Gehorsams und – fallweise – [b]Subjekt [/b]des „Leviathan“ staatlicher Gewaltausübung [i]werden[/i], und als solches [i]beurteilt [/i]werden [b]soll[/b]. Aber dieser Einspruch mindert die juristische Trennschärfe der Fischer’schen Begrifflichkeit nicht, er spielt auf einer anderen Ebene.
Ich kann mir nicht vorstellen – das meine ich buchstäblich – [b]wie [/b]ein Mensch Fischers Text zur Kenntnis nehmen und danach von „psychologischem, moralischen und rechtlichen Dilemma“ faseln kann, in der Annahme, wie es scheint, mit diesen [b]Worten [/b]sei der Unterscheidung und Trennung von Sachverhalten, Themen, Urteilen und Urteilsformen Genüge getan. Fischer dazu:
[quote]… die abwegige und rechtsfeindliche These, die dem Schirach’schen Spektakel zugrunde liegt: Es gehe um eine Entscheidung (!) zwischen Recht und Moral, Recht und Gerechtigkeit. „Notwehr, Schuld, Gerechtigkeit, Naturrecht, Gewissen“, und all das Gefasel der Protagonisten auf der Bühne, sind – nach ihrem eigenen Eingeständnis! – nur leere Worte. Ihnen geht es nicht um Begründungen, nicht ums Recht – es geht um das „Richtige“, also ums „Ergebnis“. Und das, so Schirach, lässt sich mit rechtlichen Mitteln nicht erreichen. [/quote] Daß ich mir Fehler, Irrtümer des Herrn Schleim nicht vorstellen kann, heißt, ich halte sie für [b]böswillig[/b]. Im besten Fall für eine [i][i]professionelle [/i][/i]Böswilligkeit, eine professionelle [i]Deformation[/i]. Im kommt es anscheinend auf die „Entscheidung“ [b]an[/b], von der Fischer spricht, nämlich dem Übergang von rechtmäßigem Handeln zur militärischen Gehorsamspflicht. Freilich kommt es ihm anders darauf an, als Schirach und dem Kritiker Fischer. Schleim macht sich mit der Besprechung [i]vorgeblicher Bedingungen [/i]dafür, daß die Ratten an der Gabelung den rechten oder linken Weg wählen, sowie von [i]Modalitäten möglicher Beeinflussung[/i] der rattigen Entscheidung, innerhalb der Militarisierung des Rechtsbewußtseins [i]psychologisch zuständig [/i] und fristet damit sein eignes Rattendasein.
Er ist ein Wehrmachtspfaff.

Nein, ich weiß, was ihr jetzt denkt, aber ihr habt [i]nicht [/i]recht. Ein Wehrmachtspfaff kann durchaus „kritisch“ sein, das ist zumeist seine Aufgabe. Schleims Überschrift verrät darüber, praktisch gesprochen, [i]alles[/i]:
[quote]Die Psychologie von „Terror“ [/quote] Oder: Der Terror der Psychologie in Zeiten des Krieges.

Follow up:

Wenn man die Opfer unterscheidbar macht, verfälscht man den Inhalt des (absichtlich einfachen) Fallbeispiels und verfälscht damit den Erkenntnisgewinn aus dem Fallbeispiel.

Der Probant und das Publikum sollen zwischen den Opfern einen Unterschied machen, zu diesem Zweck sind sie in der Inszenierung anonymisiert. Für einen real vor eine vergleichbare Handlungsentscheidung gestellte Person sind die Opfer keine Repräsentanten natürlicher Zahlen, wie in der abstrakten Vorstellung eines Experimentes. Solch eine Person verbindet allgemein und zusätzlich aktuell, spontan, konkrete Vorstellungen mit dem Fußballpublikum oder den Fluginsassen. Es ist ein gesondertes Urteil, vorgestellte reale Menschen in Repräsentanten der Abstraktion „Menschenleben“ zu übersetzen, als welche die Opfer Subjekte und Objekte des Staates, des Pfaffen, Gottes, der „Natur“, aber nicht Subjekt und Objekt einer „natürlichen Person“ sind.

Falls jemand die Inszenierung nicht verwirft, etwa auf die gradlinige Weise, wie Seam Doyle:
https://www.heise.de/forum/p-29405566/
akzeptiert er, daß ihm ethische Urteile grundsätzlich abgesprochen werden. zugunsten moralischer Urteile.
Ein moralisches Urteil übersetzt Herrschaft, Befehle, mit Hilfe einer individuellen Sinngebung in subjektive Urteilskriterien und Handlungsmaximen.
In einem ethischen Urteil tritt ein Individuum unmittelbar als Subjekt der Gesellschaft auf, der er entstammt und angehört. Die Elementarform eines ethischen Urteils lautet: „Das tut man so (nicht)“. Es reflektiert, der gesellschaftliche Zusammenhang der Individuen sei Subjekt durch diese Individuen hindurch. Sein Witz ist, daß das ethische „man“ das urteilende und handelnde „Ich“ nicht auslöscht oder an seine Stelle tritt, das ethische „Ich“ bleibt das Individuum, denn ein gesellschaftlicher Zusammenhang entsteht ausschließlich durch das Zusammenwirken individueller Entscheidungen. Die Abgabe solcher Entscheidungen an gesellschaftliche Institute ändert daran nichts.

Eine Aufopferung des ethischen Ich ist deshalb ein Paradigma, es soll mit der Aufbrechung der Unmittelbarkeit ethischen Bewußtseins und Handelns illustrieren, an ihr sind zwei Urteile beteiligt: Ich handele „so und so“ (erstes,ethisches Urteil), weil ich ein gesellschaftliches Subjekt bin (zweites Urteil, Selbstbewußtsein des ethischen Subjekts) und ergo (kein Urteil, sondern ein Schluß) auch um den Preis meines individuellen Daseins.

Die Schwierigkeit des Themas in der bürgerlichen Gesellschaft liegt darin, daß in ihr eine spezifische Zurückweisung einer ethischen (gesellschaftlichen) Identität Gesetz ist, und zwar mittelbar strafbewehrtes Gesetz, nämlich im Gebot der Konkurrenz: „Jeder ist sich selbst der Nächste„. Wer dieser Maxime nicht folgt, ist an den Folgen „selbst schuld“ – nach den Buchstaben der Gesetze!
Doch diese Zurückweisung ist ein Schein! Tatsächlich ist die Auflösung der gesellschaftlichen (ethischen) Identität in das individuelle Konkurrenzsubjekt ein Ethos, eine ethische Maxime, die freilich durch moralische Urteile („moralische Gesetze“)umstellt werden muß, damit sie den gesellschaftlichen Zusammenhang nicht zerlegt.
Ethische Urteile (gesellschaftliche Handlungskriterien der Individuen) und moralische Urteile (Sinngebung, Versubjektivierungen gesetzlichen und autoritativen Zwanges, die allgemeine und objektive Geltung beanspruchen) werden auf diesem Wege für die Individuen so gut wie ununterscheidbar, sie bilden ein gesellschaftliches Aggregat. Dies gesellschaftliche Aggregat entsubjektiviert die Handelnden zugunsten moralischer Maximen, die sie gegenüber Dritten zu „verantworten“ haben. Exakt diese Entsubjektivierung ruft die Psychologen und andere Moraltheologen auf den Plan, es sei denn, jemand wie Seam Doyle schickt sie dahin, wo der Pfeffer wächst.

Individuelle Dilemmata gibt es bei Entscheidungen der besprochenen Art nicht, es sei denn, die geforderte Person ist bereits so verrückt geworden, wie ein Hund in der Pfanne – buchstäblich. Ist sie es nicht, entscheidet sie einfach und handelt – und durch sie hindurch die Gesellschaft mitsamt ihren Instituten!

Und weil das so ist, setzten selbst deutsche Verfassungsrichter, die ansonsten dafür zuständig sind, eine maximale Anzahl ethischer Entscheidungen zugunsten moralischer Maxime abzuwickeln, indem sie gesellschaftliches Handeln bis in jeden Winkel der Intimsphäre verrechten, in allerletzter Instanz das autonome ethische Urteil der Subjekte ins Recht, nämlich mit der Rechtskategorie des „übergesetzlichen Notstandes“, der exakt im Fall des Piloten und seiner Vorgesetzten greifen soll. Er entlastet die Beteiligten von Schuld, wie immer sie entscheiden, es sei denn, es sei zu ermitteln, daß sie sich nicht von ihrem ethischen Urteilsvermögen haben leiten lassen. Ein Jet-Pilot etwa, der erkennbar verfrüht die Entscheidung trifft, den Passagierjet abzuschießen – aus welchem Motiv immer – kommt nicht in den Genuß des „übergesetzlichen Notstandes“

Antwort Schleim:

Ich verstehe Ihren Kommentar nicht…

…und auch nicht, worauf Sie hinaus wollen.

Und zu Thomas Fischer: Mag sein, dass er andere Kategorien diskutiert. Er ist eben Rechtswissenschaftler, ich Philosoph und Psychologe.

Replik:

„Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht – erst recht.“

(Juli Zeh, „Spieltrieb“)

Gesinnung und Klassenkampf (27.10.’16)

„Die rechtsradikalen 14 Prozent“
https://www.heise.de/tp/artikel/49/49794/1.html

Aquadraht und Wustmann sind ein prächtiges Paar

Beide „entdecken“ vom Standpunkt der Herrschafts- und Betreuungsbedürfnisse, die zu formulieren Aufgabe des politischen Standes im Kapitalismus ist, dasselbe (angebliche) Herrschaftsproblem: „Verlust der Linksorientierung bei den Arbeitern und den unteren Gesellschaftsschichten„. Beide vertreten diesen Standpunkt offensiv gegen die Masse der Klientel bürgerlichen Herrschaftswillens. Deshalb erscheint Aquadraht das Problem, das er mit Wustmanns Standpunkt hat, in erster Instanz auf der ästhetischen Urteilsebene. Er nennt ihn „widerlich“ und denunziatorisch.

Wustmanns Überschrift, die Berufung einer Gefahr für das Herrschaftssystem, und also für seinen Stand oder dessen Personal, hätte Aquadraht unzweideutig entnehmen können, daß Wustmann plädiert, Arbeiterschaft und „Unterschicht“ aus der Klientel des politischen Standes zu entlassen, und sie generell – statt partiell – in eine Klientel des staatspolizeilichen und militärischen Standes zu überführen. Warum setzt er seine „Kritik“ nicht dort an? Die Antwort gibt Aquadraht freiweg:

Die Vorurteile [gegen die Wustmann den Polizeistandpunkt mobilisiert, JaGl] waren schon immer verbreitet, und nicht nur in der Arbeiterschaft … Aber die vom linken Milieu vorgegebenen Werte von Toleranz und internationaler Solidarität fanden Gehör und wurden verstanden, die Arbeiterbewegung wirkte da disziplinierend und zivilisierend.

Aquadraht teilt den Polizeistandpunkt, nur nicht dessen Wustmann’sche Eskalation, er möchte diesen Standpunkt vornehmlich auf einer pädagogischen Ebene der „Disziplinierung“ belassen.

Der Wille, Bildung zu erwerben oder wenigstens den Kindern zu ermöglichen, war stets ein fester Bestandteil des Arbeiterbewusstseins.

So weit, so langweilig. Sozialpädagoge vs. Staatspolizist und seine Aufstandsbekämpfungstruppen.

Wir kommentieren das nur deswegen, weil solche Konstellation in der gegebenen Lage dazu führen muß, daß ausgerechnet und bevorzugt der faschistischen Klientel politischer und polizeilicher Betreuungsanstrengungen („Klientel“, jawohl, das ist der Witz an faschistischer Offensivität, Faschisten wenden den patriarchalen Impetus des demokratischen Herrschaftsstandes gegen sein Personal!) der von Wustmann ausgesprochene, bei Aquadraht implizite Rassismus der Oberschicht auffällt. „Schtonie“ ist vermutlich kein klassischer „Rechter“, geschweige Faschist, aber er bringt den Rassismus des pädagogischen und kriminologischen Milieubegriffs simpel und zureichend auf den Punkt:

Die Entwicklung mal eben auf die „Dummen“ und „Abgehängten“ reduzieren und gleichsam natürlich (Herv. v. uns) die Erklärung dafür mitliefern:

Es sind die Dummen und Abgehängten, da sie dumm und abgehängt sind. Wow! Starke Analyse.

Im Wustmann’schen Original:

Die Abwertung der anderen, beobachtete Eribon, führt zu einer „Aufwertung“ des Selbstbilds besonders in jenen Schichten, „die permanent mit ihrer eigenen Unterlegenheit konfrontiert“ sind.

Die Kategorie „Unterlegenheit“ ist in diesem Satz identisch mit der pädagogischen Rassifizierung der Konkurrenzverlierer innerhalb der Arbeiterklasse, der Aquadraht sich bedient, um ästhetischen Einspruch gegen Übergänge zur exekutiven Rassifizierung der Unterschichten (die wir an anderer Stelle schon vor Jahren „Verpalästinenserung“ nannten) zu erheben, für die Wustmann Partei ergreift.
Schtonie nimmt im Satz, den er dem obigen Zitat folgen läßt, die rassistische Ideologie für die exekutive Leitlinie, die sie in beiden Varianten darstellt:

Wer solch entlarvende Stereotype auch noch als sozialwissenschaftlich fundierte Analyse in die Öffentlichkeit ergießt, darf sich über die entsprechende Reaktion bitte nicht wundern…

Das ist eine Rechtfertigung nach dem „actio-reaktio“-Muster, die genau einen der Übergänge von faschistischer Staatskritik zu faschistischer Staatsfeindschaft – unter dem Ideal von „Volksherrschaft“ – markiert.

Und so werden wir lachen, lang und schmutzig, falls irgendwann Wustmann und Aquadraht von irgend welchen durchknallenden Faschos in den Graben befördert werden sollten.

JaGl hat schon geschwätzt

.. weswegen ich darauf auch nicht entgegne, und Du tust es auch. (…) Der dümmliche Vorwurf gegen mich, ich hätte „Sozialpädagogisches“ im Sinn zeigt nur die völlige Egozentrik und Diskursunfähigkeit derer, die den Vorwurf erheben. Weder Blanqui noch Lenin oder Mao Zedong waren „Sozialpädagogen“, aber auch keine „Unterschichtler“.

Es geht nicht um Betreuung, sondern um Klassenkampf. Nur ist der nicht mit den Losungen des 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts zu mobilisieren, geschweige denn zu gewinnen, aber noch weniger mit Forderungen nach Transenklos und Frauen als Aufsichtsratsvorsitzenden oder Henker*innen (sic!). Aber ohne Klassenkampf und Mobilisierung bleiben die „Unterschichten“ der rechten Agitation ausgesetzt und für sie empfänglich. „Emanzipative“ und „libertäre“ Linke sind mit ihrem Mittelschichtdiskurs Mittäter dieses Prozesses.

Wo bei Dir linksradikale Kritik war, sehe ich nicht. Ich sehe allerdings auch nicht, dass Wustmann zu Repression aufruft. Seine „Erkenntnisse“ bleiben sprachlos, sie erschöpfen sich im Vorwurf.

In Deinem OP

– ist von „Klassenkampf“ nicht die Rede. Jetzt erklärst Du, gleichsam hinter vorgehaltener Hand, von ihm hättest Du gesprochen, auf den wolltest Du hinaus. Vorausgesetzt, Du habest überhaupt je einmal gewußt, was „Klasse“ und folglich Klassenkampf ist, lügst Du – fett und dreckig. (Herv. im folg. v. uns)

Vielmehr haben grosse Teile der Arbeiterschaft der Führung durch die Arbeiterparteien und Gewerkschaften vertraut, in deren Reihen Aufsteiger aus der Arbeiterschaft und Intellektuelle verschiedener Herkunft den Ton angaben. Aber die vom linken Milieuvorgegebenen Werte von Toleranz und internationaler Solidarität fanden Gehör … die Arbeiterbewegung wirkte da disziplinierend und zivilisierend.

Mit der neoliberalen Wende … ging diese Führerschaft verloren. Die Arbeiterschaft wurde (!) nicht mehr als Klasse gesehen (von wem?!), sondern … (blablawuff) … Die Kader der neuen Parteien … verbreiteten libertäre Wohlfühlthemen und … Natur- und Umweltschutzanliegen als „links“.

Das ist die Lüge. Du machst da in zwei Absätzen den Übergang von einer Betrachtung über eine ehemalige – und angebliche – politische Führung der Arbeiterklasse zu einer Klage über die politische Führung der Nation. Du machst ihn, lastest ihn freilich Deinem „politischen Gegner“ – in erster Linie „den Grünen“ – an. Du machst – in erster Linie Dir selbst – vergessen, daß Klassenkampf keine politische Aktion ist. Es ist eine ökonomische Tat-Sache, sein Schauplatz sind die Fabriken, Manufakturen und Sweatshops und bleibtes, wenn der Kampf von Verbänden auf die Straßen und Plätze der Nation ausgedehnt und dort gegen Polizei und Militär geführt wird. Wer das „vergißt“, treibt mit „Klassenkampf“ einen Etikettenschwindel, der ihm mit Recht von etablierten und jungen politischen Protagonisten angekreidet wird, er behandelt klassenkämpferische Motive als Anliegen der Nation.

Wenn Arbeiterverbände den ihnen aufgezwungenen Klassenkampf nicht in Gestalt eines politischen Kampfes um Einfluß auf das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates aufgeben, sondern ihn in einen politökonomischen Kampf aufheben, führen sie einen Klassenkrieg.

Wir haben diesen Abschnitt Deines OP in unserer ersten Replik ausgelassen, weil uns nur allzu bewußt war, daß wir Dir nur Stichworte für einen taktischen „Diskurs“ über die „richtige Führung“, den „richtigen Kurs“ der Arbeiterklasse“ gegeben hätten, auf den Du jetzt sowieso ausweichst:

Weder Blanqui noch Lenin oder Mao Zedong waren „Sozialpädagogen“, aber auch keine „Unterschichtler“ … Nur ist der [Klassenkampf] nicht mit den Losungen des 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts zu mobilisieren, geschweige denn zu gewinnen …

Da ist sie wieder, die Lüge, allerdings versteckt, und es handelt sich um das wirksamste Versteck in der Geschichte der Arbeiterbewegung: „… nicht zu gewinnen“ Klassenkampf hat Gewinner und Verlierer, aber er ist nicht zu gewinnen – von keiner Seite! Er ist allenfalls abzuschaffen*.

* Das zu tun ist die Kapitalistenklasse im Begriff, indem sie wachsende Teile der „freien Arbeiterschaft“ und des Kleinbürgertums unter das Joch sklavischer Arbeitsverhältnisse zwingt, in denen sie Zubehör korporativ und kommunal verwalteter Arbeitsplätze werden. Die modernen Arbeitshäuser sind Wohnzellen in Freiluftgehegen.

MH 17 (31-10-16)

https://www.heise.de/tp/artikel/49/49835/1.html

Anatomie einer Lüge (editiert)

(edit: verunglückte Formulierungenn in Punkt c2 korrigiert)

1) Es gibt in Murawskis Artikel und seinem Erscheinen auf TP die eine Lüge, auf die alle anderen Lügen, Auslassungen, absichtsvolle oder geduldete Unzulänglichkeiten zulaufen, um sie zu stützen. Ihr Name: SU 25.
Ein Blog-Beitrag der Freitag-Community vom 3.10. ist der in einigen Sätzen wörtlich übernommene Vorläufer des vorliegenden Machwerkes:
https://www.freitag.de/autoren/bernd-murawski/warum-uebernimmt-russland-die-buk-version
Er weist bemerkenswerte Unterschiede zur TP-Version auf. Einer der prominentesten: Murawski nimmt dort mit keinem Wort auf die Propagandalüge der westlichen Medienwelt Bezug, das russische Verteidigungsministerium habe 2014 die Theorie verbreitet, Flug MH17 sei einem mit einer SU-25 ausgeführten Luftangriff zum Opfer gefallen. Diese Lüge wurde Murawski vielmehr von einem Verteidiger des westlichen Narrativs als ein Einwandgegen seine Darstellung präsentiert und von einem weiteren Leser, dessen Beiträge Murawski ausdrücklich gelobt hat, umgehend dementiert:
https://www.freitag.de/autoren/bernd-murawski/warum-uebernimmt-russland-die-buk-version#1476732414331036
Diese Darstellung ist zwar selbst falsch – von einer Mig-29 war in der russischen PK nicht die Rede – aber sie hätte Murawski hindern müssen, die SU-25-Lüge unbesehen zu kaufen, wenn wir ihm geistige Gesundheit und ein Minimum an Interesse an seinem Thema unterstellen, geschweige denn, sie ins Zentrum seiner Neuformulierungen zu stellen, wie es in den Schlußsätzen geschieht:

Die Variante eines Angriffs durch ein BUK-System mit nicht eindeutig identifizierbarer Täterschaft wäre ein akzeptabler Kompromiss. Möglicherweise ist dies der Grund, weshalb Russland die Version eines Abschusses durch eine SU 25 nicht mehr thematisiert.

2) Es gibt in Murawskis Blog-Version ein Bindeglied zur SU-25-Lüge:

… gehört die Vorstellung, dass russische Regierungsvertreter nichts lieber täten, als die ukrainische Führung vor der Weltöffentlichkeit bloßzustellen, ins Reich der Phantasie. Vielmehr zeugt die bisherige Praxis der politisch Verantwortlichen von einem hohen Maß an Realismus. Unabhängig davon, ob ein breites Publikum überzeugt werden kann, stellt sich in der Politik die Notwendigkeit der Gesichtswahrung für alle Seiten, sollen konstruktive Ergebnisse erzielt werden.

… sollen konstruktive Ergebnisse erzielt werden“ ist ein Bekenntnis zur taktischen Lüge in der hybriden Kriegführung, welches das Interesse des Autors an seinem Thema definiert. Die Erwähnung der SU-25-Lüge entfiel demnach in Murawskis Blog-Version, weil er vermied, Öl in’s Feuer der Debatte um eine ukrainische Täterschaft zu gießen. Der o.zit. Kommentator, „Sucht“, bestärkte Murawski in dieser Strategie:

[Ich] beglückwünsche den Autor zur Erkenntnis, dass die RF natürlich keinerlei Interesse daran hat, dass die Situation in der Ukraine eskaliert, das haben sie hinreichend bewiesen, alleine dadurch, dass sie die Ukraine nicht bankrott gehen lassen und die nachträglich demokratisch legitimierte Putschregierung anerkennen.

Antworten auf die Frage, warum Murawski selbst oder die Redaktion in der TP-Version auf die „SU-25“, und damit auf eine Inkriminierung der Ukraine nicht verzichten wollten, sind natürlich spekulativ. Ein starkes Indiz liefert Murawskis Darstellung u.E. darin, daß er eine Unkenntnis des Themas und seiner physikalischen und technischen Implikationen in einem Umfang verrät, den sich kein Autor, der irgendwo noch publizieren will, freiwillig an’s Bein bände. „So viel Schwachsinn auf einem Haufen“, wie ein Leser formulierte, dürfte man in einem Presseerzeugnis selten noch einmal finden. Der Chefredakteur Florian Rötzer weiß das, das geht aus seinen eigenen Artikeln zum Thema hervor. Wir dürfen folgern, daß Murawski mit großer Wahrscheinlichkeit mit den absurden Bestandteilen des Artikels, die in seinem Blog-Beitrag fehlen, bes. die „Anderwelt“-Beiträge, gestopft und „gelinkt“ wurde.

Der „Hebel“ solch eines Betruges wäre, daß Murawskis Blog-Beitrag für TP allerdings „zu dünn“ erscheinen mußte, doch jede nähere Befassung mit den Einzelheiten ohne Inkriminierungen nicht zu haben ist. Die Zuspitzungen auf eine wahrscheinliche Täterschaft der Ukraine, die Murawski im Freitags-Blog vermied, widersprechen nicht seiner politischen Agenda, die wir in einem für dies Thema hinreichenden Umfang allein dem Titel seines 2003 im Selbstverlag veröffentlichten Buches entnehmen können:

Bedarfsdeckung statt Krise: Chancen für einen rezessionsfreien Kapitalismus

Die im Grundzug korrekt beschriebene Strategie des Kreml gegenüber der False-Flag-Operation, die mit dem Abschuß von MH17 entweder vorliegt, oder auf der Ebene der Kriegspropaganda aus ihm verfertigt wurde, beruht darauf, daß Russland darauf besteht, Teil des amerikanischen Imperiums bleiben zu wollen, weil es identisch mit dem Weltmarkt ist. Russlands Reichtum an benutzbaren Ressourcen und vernutzbarem Menschenmaterial erlaubt dem Kreml, Angriffe auf seinen Status im Weltmarkt in einem weiten Umfang „abzuwettern“ und teilweise sogar als internen Anreiz und internen Zwangszusammenhang zu benutzen, Modernisierungen zu erzwingen, die Russlands Ausgangspositionen auf dem Weltmarkt verbessern.

3) Jetzt wenden wir uns den möglichen und sicheren Implikationen dieses publizistischen Manövers zu.

a) Der Schwachsinn spielt den NATO-Trollen und ihren Narrativen in die Hände.

b) Er ist geeignet, deren Gegner zu demoralisieren und ihnen nahe zu legen, sich aus der Debatte und generell von TP zu verabschieden.

c1) Er deskandalisiert und normalisiert die Methode und das Mittel der imperialen Kriegführung, die mit dem amerikanischen Staatsstreich von 9/11 eingeführt wurde:
Menschenopfer. Die Schlachtung zeitlich, örtlich und thematisch unbeteiligter Zivilisten aus dem einzigen Grunde, ihr physisches Dasein mit ihrer Staatsbürgerschaft , bzw. der tatsächlichen oder angemaßten Zuständigkeit des Imperiums für ihr physisches Überleben zu vereinen.

c2) Auf diesem Wege akzeptiert Murawskis Beitrag die faschistische Formierung des Imperiums der Demokratie, die simpel im Anspruch der USA vorliegt, „indispensable nation“ und „exceptional“ zu sein, und folglich nicht länger das ideelle „Höchste Recht“, identisch mit der ideellen Höchsten und Obersten Gewalt, zu repräsentieren, sondern in ihrem nationalen Dasein zu inkorporieren. Das ist derselbe Anspruch, den die deutschen Nationalsozialisten mit einem zeit- und lagegemäß umständlichen und an vorkapitalistischen Ideologemen orientierten Konstrukt erhoben haben, in dem „Rasse“, „Ariertum“ und Vernichtung der „jüdischen Volksschädlinge“ als Epizyklen, als Hilfskonstrukte fungierten. Die russische Nomenklatura akzeptiert den US-Faschismus notgedrungen, weil sie die einzig erhältliche Gegenoption, sich dem imperial formierten Weltmarkt entgegen zu stellen, was hieße, die kapitalistische Staatsraison zu verwerfen, nicht wahrnehmen kann, ohne die eigenen, persönlichen Positionen aufzugeben. Murawski und seine Handler akzeptieren die faschistische Formierung des Weltmarktes auf der „theoretischen“, ideologischen Ebene aus Überzeugung – wenn auch einer in erster Instanz taktisch begründeten Überzeugung.

Daß Bernd Murawski sich diese faschistische und buchstäblich mörderische Konsequenz aus dem „TINA“-Konstrukt seiner politökonomischen Theorien und Überzeugungen wahrscheinlich nicht vorlegt, macht es in unseren Augen kein Stück besser, im Gegenteil. Denn das setzt im Zusammenhang des vorliegenden Themas eine Verleugnungsstrategie voraus, die sich gegen jede Grausamkeit, gegen jede Barbarei mit dem Verweis auf eine Welt- und Gattungsgeschichte immunisiert.

Genau das taten auch die Täter im Fall MH17 – die an den Schreibtischen, wie die in den ein oder zwei NATO-Jägern – die für einen höheren Zweck, ein höheres Ziel, 300 Reisende zu Frostfleisch verarbeiteten.