Gender

Ein individuell geschaffenes soziales Feld

Es dürfte einleuchten, daß der soziale Geschlechtsdimorphismus in allen denkbaren Gesellschaften ein Bündel kultureller Dimensionen hat, von denen stets einige nah, andere fern des physiologischen Dimorphismus stehen. „Gender“ ist folglich eine populationsspezifische Feldstruktur über diese Dimensionen, in welche sich die Individuen einerseits einzuordnen haben, die sie andererseits sowohl einzeln für sich wie kooperativ füreinander erfinden. (…)
Nehmen wir die Sozialisation hinzu, ergibt sich elementar, daß individuelle Assimilation und Adaption an das Feld des Gender einen beträchtlichen Teil der Dimensionen erst ab der Vor- bis zur Spätpubertät einbegreifen und abschließen kann. Dazu gehört nicht nur die genitale Sexualität inklusive ihrer sozialen Konnotationen und Funktionen, sondern auch der Abschluß der intellektuellen und ethischen, heute also moralischen, Entwicklung, sprich individuellen Nach- und Neuerfindung der zu ihr gehörigen Kriterien und intellektueller wie sozialer Operationen, die über sie verlaufen. Alle drei genannten Elemente sind Grundbausteine dessen, was heute „soziale Intelligenz“ heißt und prägen die kommunikative Kompetenz aus.

Das Patriarchat auf der Basis des Privateigentums umfaßt keineswegs die geschichtlich ersten Gesellschaften mit einem starken Druck in Richtung geschlechtlicher Polarisierung. Patriarchate bzw. Mischgesellschaften, die auf einer Kultur der Wehrhaftigkeit beruhten, übten mindestens denselben Druck aus. Je polarischer aber das Gender-Feld innerhalb einer Population wird, desto umfangreicher und komplizierter die Aufgaben, die es an die geschlechtliche Arbeitsteilung und den Zusammenhalt des sozialen Gefüges stellt. Folglich kommt den frühen Geschlechtsbeziehungen unweigerlich die doppelte Aufgabe zu, die geschlechtliche Polarisierung abschließend herzustellen, zugleich aber sozialverträglich zu kompensieren. Eine solche Kopplung und Verschränkung der Pole wird stets Gegengewichte und Ausgleichsbewegungen über verschiedene Dimensionen einschließen. Die Ausdifferenzierung der geschlechtlichen Polarisierung dürfte in den individuellen Beziehungen beide Seiten der Pole individuell aufeinander ausprägen. Und das ist eine klassische Double-Bind-Situation. Was immer in solch stark geschlechtlich polarisierten Gesellschaften „Liebe“ konzeptionell ist, ihr wächst in Abhängigkeit von den sozialen Umgebungsbedingungen und – variablen – z.b. Gens- und Clanstrukturen, Geschlechtsbünden – in irgend einem Umfang die Aufgabe zu, das Geschlecht der Individuen in einem Teil seiner Betätigung zugleich auch aufzuheben! Beide Geschlechter müssen in einem fundamentalen Teil ihrer individuellen Beziehungen sowohl und zugleich Männer wie Weiber sein.

Zusätze

Gender vs. Sexus

Es ergab sich aus der Diskussion des Textes in einem Forum, daß eine Hauptschwierigkeit seiner Verdichtung in der unwillkürlichen Selbstreferentialität liegt. Man kann nicht über Geschlecht oder Gender reden und sich dabei an deren Konstruktion nicht beteiligen wollen …

Zur aktuellen Konstruktion zählt noch immer maßgeblich die Kontroverse, ob bzw. inwieweit Geschlecht ein Konstrukt sei bzw. in einer sozialer Konstruktion vorgegebenen Dinglichkeit gründe. Das ist ein selbständiges Thema: genitale Fetischisierung des Geschlechtes und der Sexualität. Mein knapper Text ist ein semiologischer Durchstich dieser Debatte, er impliziert, das soziale Feld der Geschlechtlichkeit, nicht allein der Begriff des Gender, bestehe aus Zeichen und Symbolen und deren Performanz, die man mit einem altertümlichen Wort Gebärden heißen könnte.
Dieser Durchstich schließt ebenso implizit aus der Debatte aus, was früher, und bei Sexualwissenschaftlern vom Schlage Sigursch dankenswerterweise noch immer, Sexus hieß. Das ist die im strengen Sinne biologische Komponente des Geschlechts, schlicht seine Organik, die so unnachahmlich (für „moderne“ Verhältnisse) treffend in dem Kinderspruch definiert ist, der zu meiner Zeit (frühe 60er) verbreitet war: Ficken ist gesund, das weiß sogar der Hund. Sexus schließt die Gebärfähigkeit ein und alles, was damit zusammenhängt, es ist das biologische Substrat der Geschlechtsbestimmung, ihr voraus gesetzt, hat mit ihr genau so viel zu tun, wie das Inventar der Zeichen und Gebärden in einer sexuellen Population physiologisch symbolisiert wird oder, um das Resultat meines Textes hier gleich einzuarbeiten, mithilfe von Elementen des physiologischen Geschlechtsdimorphismus codiert wird.
Die Moderne hingegen besteht zu etlichen Gelegenheiten auf dem Blick ins Chromosom, gelegentlich noch genauer, ins chromosomale Zellmosaik, um ein Ding zu identifizieren, das dann weiblich oder männlich heißen darf. In dem, was hier besprochen wird, sind männlich / weiblich hingegen Reflexionsbestimmungen, das eine gibt es nur mit unmittelbarem Bezug auf das andere.